BOOM (RTF) – Damit es richtig kracht!

Text von: Jürgen Okrongli
Fotos von: J.O.

Hersteller Scirocco Kites, Lüneburg, Matthias Franke

Maße SpW 2.05 m / H 76 cm

Packmaß 1.30 m

Segeltuch 40 D Spinnaker Nylon

Gestänge 6 mm Avia + 8 mm Exel

Gewicht 300 g

Windbereich in Bft. 2 – 8

Ready to Fly (RTF) Winder; Handschlaufen; 2 x 30 m / 100 Kp Dyneema

Preis in Euro 119.95

Bezug www.scirocco-kites.de (LINKliste)

Matthias Franke sitzt mit seiner Firma Scirocco Kites bei FIPS in Lüneburg. Dort hat er im oberen Geschoß ein prall gefülltes Drachengeschäft.

Seinen ersten Drachen, den ich testete, war der Bombastik: ein 3 m Trick-Bolide. Später kamen andere Drachen wie der Thunder dazu: der schnellste Loopingdrachen, den ich je getestet habe. Sein ZACK (auch bei uns im Test) ist ein Traumdrachen und sein Bestseller geworden. Als letzten Drachen von ihm testete ich den NO MERCY (Keine Gnade) (auch bei uns auf der Seite). Ein Powerteil für den kundigen Powerpiloten.

Der jetzige Testdrachen BOOM ist von ihm als Einsteigerdrachen in den POWERbereich gedacht, wobei er nicht verhehlt, dass der Drachen auch Speed machen kann und die Trickpalette der Standardtricks beherrscht – was eigentlich nicht gewollt war. Schönheitsfehler ;-)) Erster Eindruck:

Der kundige Betrachter erkennt auf den ersten Blick, dass dieses Teil kacheln will und sehr wahrscheinlich auch kann: a) er ist mit gut 2 m Spannweite nicht zu groß, so dass er Geschwindigkeit machen wird und b) diese Geschwindigkeit auch in Druck / Power umsetzen kann.

Der Laien – Betrachter erkennt an Design und Stäben noch so viel, dass dieser Drachen ihm nicht gut tun würde. Wenn ich den Drachen am Strand aufstellte, betrachteten ihn alle respektvoll – stellten aber keine Frage. Dieses Mal ließ ich mein Schild „Vorsicht ! Bissig!“ in der Drachentasche. Sie glaubten es auch so.

Schwarz – grasgrün ist eine gewagte Designlösung. Soll es eine Anspielung auf eine gepflügte Grasnarbe sein oder war einfach nur ein Restposten Grasgrün noch da ? Egal: er kann es tragen! Verarbeitung:

Matthias Franke hat ein großes Herz für einfache Segelschnitte. „Solide sollen sie sein,“ sagt er ,“ und gut fliegen sollen sie. Mehr nicht.“ Tja, gute Einstellung!
Einige Detaillösungen stammen noch von Highlights der 90er – Jahre. Er überträgt sie mit dem Heute-Know-How in die 2000er. Beim BOOM sind es die Stand-Off-Aufnahmen im Segel. 17 cm und 12.5 cm – Taschen knallen ins Auge. Besonders die beiden innenliegenden Stand-Offs erinnern daran, dass in grauer Vorzeit ein Vorfahre des BOOM ein Mammut gewesen sein muss.
Zum Vergleich 2007 schaue man sich `mal den ATRAX von Spider Kites an (bei uns im Testbericht / Speed). Da ist Christoph Fokken auch mit eigenwilligen Stand-Off-Varianten erschienen.
Diese Lösungen dienen der Flug- und Drehkontrolle bei Loopings. Früher gab es Speeddrachenerfindungen von Selbstbauern, die so schnell drehten, dass sie sich das Luftdruckpolster aus dem Segel drehten (wenn Stand-Offs zu schwach). Scheibenabsturz. Dem BOOM wird das nicht passieren. Seine Stand-Offs sind robust.
Er hat 8 Paneele (4 grüne – 4 schwarze)verbunden mit gutaussehenden Segelmachernähten. Der dicke Nadelstich hat was!
Die Drachenleitkante ist in Geradeausnaht. 8 cm Verbinder-Buchten sind etwas zu klein. 10 cm geben mehr Sicherheit, wenn 1 Stopper wegfliegt. Ich habe zu viele Stopper wegfliegen sehen. Besser: glasfaserverstärktes Klebeband z.B. Fa. Robbe) heiß anfönen. Eine Verbindung für ein langes und glückliches Leben.
Bis auf die untere Querspreize (8 mm)sind alle Stäbe aus 6 mm Kohle. Die Schleppkante ist schwarz umsäumt; der Kielbereich komplett dacronverstärkt; verstärkte Leitkantenenden. Die kleine Nase ermöglicht präziseren Flug – bittet aber, nicht abzustürzen. Mit Fliegern dieser Kategorie stürzt man auch nicht ab. Das täte ja tief in der Seele weh!
Die Waageschnur sollte besser mit 2 – 3 Knoten (Knotenleiter) gebaut sein. Das wäre praktischer. Schön ist das Silbergrau der Waageschnur – das passt gut zum Segel.
Alle Verbinder sind topp! Sie machen deutlich: Puddingmuskeln bitte zur Seite treten..
Unterhalb des Mittelkreuzes ziert ein FIPS-Firmenemblem die Kielstabverstärkung. Das ist neu und will sagen: für FIPS gebaut.
Die unteren Querspreizen sind zum Mittelkreuz unterfüttert, um Sollbruchstellen zu vermeiden.
Wo wird er wohl am ehesten schwächeln ? Das ist auf den 1. Blick nicht zu erkennen. Aber: er soll ja bis in Bft. 8 hoch.
Diese Windart hat ihre eigenen Gesetze – hier muss ein Drachen doppelt und dreifach sicher gebaut sein, denn am anderen Ende hängt der Pilot.

Ready to Fly (RTF): Handschlaufen, Winder und 2 x 30 m / 100 Kp Dyneema-Schnüre (das wundert mich / 100 Kp ist nicht viel).
Flugeigenschaften:

Die 1. Testbatterie ist sofort in Bft. 7 – 8. Das war Zufall, weil mir kein anderer Wind übriggeblieben war. Dann geht es eben sofort zur Sache!

Meine Frau und ich gehen zum Strand. In diesen Windstärken ist eine 2. Person MUSS! Sie kennt jeden Handgriff – wie gesichert werden muss, damit der Drachen nicht schon vorher durch die Luft fliegt.
Was mich etwas skeptisch macht ist die 100 Kp-Schnur. In Bft. 7 – 8 wirkt sie etwas dünn. Nun ! Matthias Franke wird seine Gründe gehabt haben.
Es ist kurz vor dem Start. Da ich den Burschen nicht ganz genau einschätzen kann, setze ich mich auf den Boden. Mein Gott ! Das habe ich auch schon lange nicht mehr getan. Sicher ist sicher. Bevor ich gleich beim 1. Flugversuch Bruch mache und das Testende am Anfang steht.
Start! Erstaunlich normaler Zug. Hätte ich jetzt mehr gedacht. Der NO MERCY aus der gleichen Schmiede, zieht stärker – ist auch 1 m größer in der Spannweite.
Dann aber das hervorstechende Merkmal: ganz enge Loopings – superschnell, am Rande der Kontrollierbarheit und POWER in den engen Looping. Was für eine Adrenalinmischung! Keiner der anderen Scirocco-Drachen hat diesen Cocktail. Besonders!
Es ist ein Cocktail für Fortgeschrittene, die POWER im SPEED beherrschen. Denen öffnet sich diese begeisternde Erfahrung. Ich genieße es, allein schon in Windstärke 8 am Strand zu sein.
Der BOOM knallt als über Speed x Power x 8. Und.. er sieht nicht so aus, als würde er Bft. 9 verschmähen – die kam aber nicht. Dem Wind ging die Puste aus. Die Schnüre hatten es ohne Gesang überlebt. Trotzdem würde ich ab Bft. 7 immer `mal 130er Schnüre aufziehen. Aber das weiß der Profi ja!
Die Überraschung für mich ist bei Bft. 2 PERFEKT ! Ort des Geschehens: mit dem Fahrrad bei Ebbe ins bewachsene Watt. Sehr schöne Farben, die zum BOOM passen. Hier trifft GRÜN seinen Heimathafen. Und: es steht ihm ! Ich wählte eine flache Waageeinstellung: oberer Waageschenkel auf 53 cm Länge. UND los gins !
Wahnsinn! Dieser Drachen macht in Bft. 2 DRUCK! Ja, DRUCK! Ich glaube es nicht! Er ist doch sooooo klein! Phantastisch. Ich schreie ins Watt: W A H N S I N N ! Vorüberziehende Zugvögel schauen etwas pikiert.
DAS zweite BESONDERE: macht man einen oder 3 enge Loops und ZACK – sofort in den STALL – hakt er keinen Millimeter nach. Das habe ich bei Drachen seiner Form noch nie erlebt.
Das ist absolut KLASSE ! Da ist er Nr. 1 `drin. Das macht ihm keiner in seiner Klasse und Größe nach. Bravo dem Schöpfer !
Die Folge: er fliegt unglaublich präzise.
Dieser Drachen bringt a l t e s Powerkitefeeling auf die Haut. Fliegen, wie es einstmals erschaffen wurde. DAS FÜHRT UNWEIGERLICH zu Adrenalinstößen.

Ein uneingeschränktes YESSS ! zu seinen Flugkünsten. Und wer will – trickst in Bft. 2-4. Alle Basistricks……Wunderbarer Flieger !

Vergleich in seiner Kategorie:

Der BOOM ist durch seine Mischung von Power und Speed und die noch zu testende Trickflugeigenschaft ein interessanter MIX-Drachen.

Das Gestänge und die Verbindungselemente schaffen eine Wertigkeit zu einem sehr angenehmen Preis.

Er gehört in seinem Segment zu den Drachen, um die man nicht nur herumgehen sollte und gucken. Fliegen und ab in die eigene Drachentasche. Fazit:

Speed – Power – Trick. Ist das ein Beispiel dafür, was die neuen Generationen Lenkdrachen können werden ? Mehrere Fähigkeiten in einem Drachen.

Der Boom fliegt schon ab Bft. 2 höchst präzise – wie kein anderer seiner Größe in der Klasse. Hat mich schwer beeindruckt. Sind es neue Fliegergenerationen ?

Wenn, ja. Dann ist der BOOM ein Vorläufer dieser Generation.
Gut gemacht, Herr Matthias Franke! Da war die Nase an der richtigen Stelle im Wind..

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