Der Gallego (RTF) – Ein Drachen nur für Kultfans oder steckt mehr hinter dem Nachfolger der bewährten Tramontana-Reihe?

Text von: Matthias Wild (mwraver)
Fotos von: Veronica Schulze/Matthias Wild

Hersteller: HQ/Invento

Spannweite: 242 cm

Höhe: 108 cm

Gewicht: ~ 330 g + Zusatzgewicht

Waage: Turbo Waage

Geschwindigkeit: langsam

Windbereich: 1-4 Bft

Segel: Ventex Light

Bestabung: Leitkante: 6mm Carbon

Querspreize: 6mm Carbon

Verbindertechnik: HQ Verbinder

Preis ~ 155 Euro

Erster Eindruck:

Was verbindet man mit dem Tramontana? Diese Frage ging mir beim Schreiben dieses Berichtes immer wieder durch den Kopf. Auf Anhieb fiel mir dazu ein, dass es ein Drachen ist, der eine riesige Fangemeinde hat. Aber woran liegt das? Beim Ur Tramontana ist diese Frage leicht zu beantworten. Wer kennt diesen Drachen nicht? Die etwas älteren Drachenflieger werden sich bestimmt an ihn erinnern. Ich weiss noch genau, wie viele Stunden ich mit diesem alten Drachen am Strand gestanden habe und die ersten Stalls und Wingtips geübt habe oder einfach nur an einem schönen Tag meine Runden geflogen bin. Das war vor ungefähr 8 Jahren. Für mich ist dieser schöne alte Drachen ein absoluter Kultkite und ich denke es geht vielen anderen auch so. Dieser Drachen ist einfach etwas Besonderes. Aber verbindet man mit idesem Drachen noch anderes als irgendwelche mehr oder weniger kindischen und sentimentalen Erinnerungen?
Hier ein paar Infos:
Es war einer der ersten Drachen mit der Segelmachernaht und bei dem runde Panele verarbeitet wurden. Die Fertigung dieses Drachen war zur damaligen Zeit ein Highlight und er war neben seiner herausragenden Präzision und seinem majestätischen und ruhigen Erscheinungsbild teilweise sogar trickflugtauglich. Und sonst? Da gibt es doch noch diesen Weltrekord 2003 in Lünen, bei dem ein neuer Rekord im Teamfliegen aufgestellt wurde. Auch dort war der Tramontana mit von der Partie. Ok das ist ja schon ganz ordentlich. Zumindest damals ein Renner. Heute werden jedoch andere Anforderungen an Drachen gestellt und da kommt der Gallego ins Spiel.
Dieser Kite aus der Drachenschmiede HQ/Invento soll nämlich die Tramontana Reihe um ein weiteres, neueres und auch zeitgemäßeres Mitglied erweitern. Ob und wie er in der Reihe dieser berühmten Zweileiner bestehen kann, verrät der nun folgende Test.
Verarbeitung:

Wie eben schon erwähnt, war der erste Tramontana einer der wenigen Drachen, bei dem die Segelmachernaht verwendet wurde. Was erwartet man also von einem seiner Nachfolger? Neue verarbeitungstechnische Innovationen? Vielleicht. Aber zumindest muss die Verarbeitung gut sein. Ohne etwas vorwegzunehmen kann ich sagen, dass sie wie von HQ erwartet – sehr gut ist. Alle Panele sind sauber miteinander verbunden und das Segel ist an alle beanspruchten Stellen verstärkt. Die Nase ist so gearbeitet, dass es kein Überstände gibt, an denen sich die Schnur bei Tricks verhacken kann. Die Querspreizenverbinder werden von HQ genauso wie die mitgelieferten Yoyostopper selber hergestellt. Die Verbinder sind an den richtigen Stellen mit Clips fixiert und die Yoyostopper können ohne weiteres selber auf den Leitkanten angebracht werden. Dazu wird kein Loch mehr durch das Dacron gestoßen, um anschließend die Stopper mit Kabelbindern zu befestigen, sondern die Stopper werden wie Clips einfach mit etwas Druck auf die Leitkante gedrückt, wo sie dann bombenfest sitzen. Um saubere Yoyos zu gewährleisten sollen jedoch nicht nur die Stopper erwähnt werden, sondern auch die abgedeckten oberen Querspreizenverbinder, die es der Schnur erlauben über die Verbinder bis zu ihrem richtigen Platz zu rutschen.
Ein weiteres schönes Feature dieses Drachens ist die Trimmung der Saumschnur. Diese kann je nach Bedarf gelockert oder auch angezogen werden. Sie ist genauso wie beim Emissary einfach durch das Ziehen an der Schnur, welche auf der Rückseite des Drachens mit dem Mittelkreuz durch eine zweite Schnur mit Knoten verbunden ist zu verstellen. Vorteil dieser Methode ist, dass die Lasche für den Kielstab dadurch noch einmal fixiert wird. So ist es unmöglich das mitgelieferte Gewicht, das am Ende des Kielstabs angebracht wird, durch einen lockeren oder aufgehenden Klettverschluss zu verlieren. Die Leitkanten, Querspreizen und alle anderen Stäbe sind aus 6 mm Gestänge. Das kann man sowohl positiv wie auch negativ werten. Das Gestänge erlaubt es dem Drachen im Binnenland sehr früh zu starten. Problem des Gestänges ist jedoch, dass es sich bei mehr Wind und der schnellen Ausführung von Tricks etwas verzieht und manchmal etwas wackelig wirkt.
Durchweg kann man jedoch sagen, dass die Verarbeitung des Gallego tadellos ist. Einziges kleines Manko ist vielleicht die fehlende Knotenleiter, die bei einem solchen Drachen nicht fehlen sollte.
Flugeigenschaften:

Das Erste, was mir beim Gallego auffiel, war sein sehr früher Start. Durch das Gestänge und die große Segelfläche kann der Drachen bei relativ wenig Wind abheben und man kann ihn ab 1 bft mit etwas Pumpen in der Luft halten. Ab 2 bft nimmt dieser Kite dann richtig fahrt auf, ist aber die ganze Zeit über ruhig und langsam zu fliegen. Hierbei steht er in der Familientradition des Tramontana und ist langsam und sehr majestätisch. Ab 4 bft wird es dann langsam etwas wackelig an den Flügelspitzen und man packt dieses Schmuckstück dann lieber wieder in seinen Köcher, um eventuelle Beschädigungen zu vermeiden.

Aber was ist mit dem Rest? Ein Kite, der so gut verarbeitet ist und eine solch Ahnenreihe hat, muss auch im Bereich der Flugeigenschaften und besonders im Trickbereich etwas hermachen. Die alten Tramontanamodelle waren dafür bekannt, dass sie sehr präzise, ruhig und majestätisch fliegen, aber nur teilweise zum Trickflug geeignet sind. Ruhig und majestätisch fliegt er, keine Frage, aber wie sieht es mit der Präzision und dem Trickverhalten aus? In beiden Kategorien kann der Gallego auftrumpfen. Der Gallego ist ein sehr schöner präziser Drachen, der in Ecken weder wackelt noch nachdreht. Loopings kann man groß oder aber auch sehr eng um die eigene Flügelspitze drehen. Push-Pull- Befehle werden sauber umgesetzt und sind ohne große Probleme machbar. Ich persönlich habe die mitgelieferten Leinen gegen etwas längere ersetzt. Mit diesen macht es jede Menge Spass Figuren in den Himmel zu malen und selbst kompliziertere Figuren sind ohne weiteres möglich. In dieser Kategorie muss sich der Gallego nicht hinter seinen Vorgängern verstecken. Er ist genauso präzise wie seine älteren Geschwister.

Ein weiteres wichtiges Kriterium bei der Beurteilung eines Drachen ist natürlich auch das Verhalten hinsichtlich seines Trickpotentials. Tricks gehen mit diesem Drachen relativ einfach von der Hand, wobei man bei manchen etwas Fingerspitzengefühl braucht. Axel, Cascaden, Slotmachines und 540 können sehr flach geflogen werden und wirken anmutig und langsam. Im Fade liegt dieser Kite stabil und man hat reichlich Zeit zu überlegen welchen Trick man als nächsten ausführen will. FlicFlacs sind ohne großen Höhenverlust machbar.
Backspins sind einfach zu fliegen und selbst Backspincascaden sind mit etwas Gefühl ohne große Probleme machbar. Im Backflip liegt der Gallego nicht allzu tief, aber wenn man sich nach einer kurzen Zeit daran gewöhnt hat, sind Lazy Susans, Flapjacks und auch Multilazys mit der richtigen Kombination aus Feingefühl und Timing gut machbar. Auch die sich fließend fortsetzende Jacobsladder ist mit diesem Schmuckstück ohne weiteres möglich, wenn man einmal den Dreh raushat.

Nachdem man die mitgelieferten Yoyostopper selber montiert hat (bei meinem Test hat sich eine Entfernung von der Nase von ~56
cm bewährt) werden Yoyos trotz der Größe des Drachens schnell umgesetzt. Auch Wapdowaps werden mit etwas Übung schön langsam gemacht.
Mit dem Zusatzgewicht gehen diese Tricks noch einen Tick einfacher und es ist eine wahre Freude den Drachen in den Yoyo zu schleudern. Auch Backspins und die damit verbundene Backspincascade funktionieren mit dem Zusatzgewicht von 15 g noch einfacher als vorher.

Aber was ist der heutige Trickflug ohne Cometen? Auch bei diesem Trick muss sich der Gallego nicht verstecken. Man braucht zwar etwas mehr Gefühl als bei anderen Drachen, aber man kann mit dem Cometen diesen Allrounder schön langsam über den Himmel wirbeln lassen.
Richtig überrascht war ich, als ich mit dem Drachen Sideslides geflogen bin. Mit diesem großen Allrounder ist es ohne weiteres möglich den Kite von einem Windfensterrand bis zum anderen zu bewegen, wobei er sich dabei anscheinend durch nichts aus der Ruhe bringen läst.

Alles in allem kann man sagen, dass der Gallego ein ruhiger Flieger ist, der alle Tricks beherrscht, aber manchmal ein wenig Fingerspitzengefühl verlangt.

Tricks: (vergeben werden 10 Punkte, 10 = sehr gut etc.)
Geraden: 8

Ecken: 8

Loops: 8

Axel: 8

Cascade: 7

Slotmachine: 8

540ziger: 8

AxeltoFade: 7

Fade: 7

Backspin: 7

Backflip: 6

Comete: 5

Jacobs Ladder: 6

Wickeln allgemein: 7 (mit Gewicht 8)

Side Slide: 9

Vergleich in seiner Kategorie:

In seiner Kategorie als Allrounder ist der Gallego echt etwas Besonderes. Er erfüllt alle Anforderungen in dieser Gruppe und ist nicht nur ein Drachen der eine große und bekannte Verwandtschaft hat, sondern auch durch seine Verarbeitung und seine Trickflugeignung in dieser Gruppe zu überzeugen weiß. Fazit:

Der Gallego von HQ/Invento hat sich in allen Punkten als würdiger Nachfolger für die wohlbekannte Tramontana Reihe entpuppt. Neben der guten Verarbeitung besticht dieser große Drachen durch seine Präzision, mit der er langsam und majestätisch seine Bahnen zieht, aber auch durch sein Trickpotential, das er zwar nicht verschenkt aber mit etwas Eingewöhnung und Feingefühl langsam und elegant in Szene setzt

Ganz eindeutig: dieser Drachen ist nicht nur etwas für eingefleischte Fans dieser Kultdrachen Reihe, sondern auch etwas für alle anderen, die einen ruhigen und großen Drachen suchen um damit ihre ersten Schritte in Richtung Ballett zu machen, Tricks zu üben, präzise zu fliegen oder sich einfach nur im Abendrot der untergehenden Sonne ein bisschen von diesem schönen Drachen verzaubern zu lassen.

Matthias Wild (mwraver).

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