DEVIL WING – Hölle fürs Hirn

Text von: Jürgen Okrongli
Fotos von: Stefanie Rauch, Roland Dobritz, Jürgen Okrongli

Hersteller SPACE KITES, Michael Tiedtke

Spannweite 163 cm

Höhe 65 cm

Stäbe Exel Cruise 6 mm

Tuch Shikara

Schnüre 30 m / 90 – 120 Kp

Packmaß 140 cm

Windbereich in Bft. 1.5 – bei Testende noch offen

Preis in Euro 125,-

Bezug SPACE KITES (siehe LINK)

Michael Tiedtke`s Herz ist ein Allrounderherz.

Das bezieht sich nicht nur auf die Allrounderfähigkeiten eines jeden seiner Drachenmodelle, es reizt ihn, in den unterschiedlichsten Drachenkategorien zu experimentieren.

Erst sind es die 220er Allrounder, die er mit Leichtwindfähigkeiten, Trickvermögen, Starkwindtauglichkeit und Powereigenschaften ausstattete, wie kein zweiter Drachenbauer es weltweit zeigte.

Er bastelt große Drachen (Explosion, ..), Leichtwindabenteurer (Tattoo – Reihe), Trick – Kanonen (Ghoul), und jetzt reizte ihn das Thema „SPEED-Drachen wie damals in der Technik von heute.“ Ein äußerst interessantes Thema. Klasse Idee.

So entstand der DEVIL WING (Flügel des Teufels).

Die Bilder des roten „Teufels“ (Besitzer Mark Rauch)wurden uns in einer brilliant schnellen Action von von Stefanie Rauch und Roland Dobritz zur Verfügung gestellt. Ganz herzlichen Dank dafür! Erster Eindruck:

Der Testdrachen hat in seinen Türkis-Weiß-Tönen weitaus mehr ein „harmonisches“ Design als es das Teufelsdesign des Drachens von Mark Rauch hat.

Zum Namen paßt mehr die Schwarz-Rot-Variante. Sie deutet schon mehr auf die zu erwartende Hölle.

Aber – das sieht dann ja jede(r) so, wie sie/er es mag. Verarbeitung:

8 Paneele, doppelte Kappnaht, freie Farbwahl, Segeltuch aus Shikara.

Kiel komplett dacronverstärkt (er soll ja in und durch die Hölle).

Nase 2-fach dacronverstärkt + Gurtband (wer mit 200 km/h auf den Boden zusteuert, muss eine starke Nase haben).

Alle Stäbe sind 6 mm Exel Cruise. Die untere Querspreize ist ein durchgehender Stab von 1,34 m Länge. Das ist die goldene Regel der angehenden 90er Jahre des letzten Jahrtausends: so wenig Sollbruchstellen wie nötig – so viel Stabilität und Elastizität wie möglich. Die Fiberglas P 3.1 Stand Offs können nicht verloren gehen. Eine interessante Stopper-Lösung, die endlich dem erfahrenen Speed-Piloten sagt: „Hier passiert in steifen Briesen meinem Liebling nix mehr!“
APA-Verbinder; Drehkreuz von FSD; Dreipunktwaage mit 5 Knoten (so muss es laut Lehrbuch sein!); Saumschnur über Stand Off gespannt (gab es schon beim Explosion oder bei Ryll-Riesen). Der Sinn: der Drachen bleibt in höheren Winden leise und formstabiler.

Verarbeitungsfazit:
Der Drachen ist an allen wichtigen Stellen verstärkt und mehr des Guten ohne dabei wie ein gepanzerter Mops zu wirken. Das ist höchste Verarbeitungskunst und bautechnisches Tüftelknowhow, wie M. Tiedtke es schon seit vielen Jahren abliefert und seine Neider eigelb werden läßt. Der DEVIL WING setzt sich bautechnisch damit in seiner Klasse auf Rang 1.
Flugeigenschaften:

Ich hatte den DEVIL WING ohne Helfer im Test. Heißt: die meisten Speeddrachen sind keine Start- und Landekünstler. Der Helfer wirft einen Speeddrachen hoch und der Pilot läßt ihn am Ende der Lust und des Windfensters schonend zu Boden fallen.

Der 1. Test war zwischen Weihnachten und dem 3. Januar auf der Insel Schiermonnikoog/NL. Zu dieser Zeit gab es Winde zwischen 0 und 4 Bft.

Die Testerfahrungen mit Winden über Bft. 4 folgten in den Monaten danach und gingen hoch bis Bft.8.

ES GEHT LOS. Als ich das 1. Mal am Strand bin, ist Hauchwind angesagt. Ich fliege meinen Lieblingsriesen bei 0.6 – 0.8 Bft. Ein Traum. Und – ich habe den DEVIL WING dabei. Mehr – einfach nur so. Da ich schon unmögliche Dinge erlebt habe – binde ich den Burschen an eine Schnur – flachster Knoten – anrucken. Nee! Das geht doch nicht! Das darf der doch gar nicht! Der ist kaputt! Muss sofort Tiedtke anrufen – mache das auch. Der schmunzelt stolz.

Ein Speed – Drachen, der schon unter Bft. am Himmel bleibt..sehr seltsam. Aber wieder einmal typisch Tiedtke. Der kann nichts normal machen aber sehr gut.

Gut. Das ist natürlich noch keine Flugqualität. Da sind die Loopings noch so groß wie der halbe Himmel. Er macht aber einige neue Trickflugwitze, ganz neue, die ich noch gar nicht kannte. Und das ging sogar zu wiederholen. Sehr drollig, der Kleine. Aber: in diesem kleinen Wind erkennt man schon ein späteres Merkmal: der Teufel ist präzise. Wer hätte das vom Teufel gedacht?

Bft. 3.5 – 4 ist ein idealer Windbereich, um kontrolliertes Speedfliegen zu üben. Die Loops sind schon so schnell, dass man etwas Speedflugerfahrung braucht, um aus dem Fluggerät kein Pfluggerät zu machen. 30 m Schnürlänge ist unbedingt am Anfang zu empfehlen. So hat man genügend Tolerant, falls man doch einen falschen Impuls gesetzt hat. 90 Kp auch. Ich hatte zuerst 70 Kp. ZACK! Start und gerissen. Na toll. Das ist mir lange nicht mehr passiert. Das letzte Mal beim normalen Pure von Michael Ryll. Den hatte ich auch, wie den DEVIL WING in der Zugkraft unterschätzt. Meine Maße sind 1,82 m/96 Kg/fast tägl. Ausdauersport. Aber: der Kleine zieht mich bei Bft. aus dem Stand. HEEE! Speed und Power. Das kann ja lustig werden.

In den Windstärken Bft. 5 – 6.5 sollten Piloten ran, die sehr sicher im Speedpowerkiten sind. Der DEVIL WING flieg schnell – aber nicht ZU schnell – bleibt in Kontrolle / anders als der THUNDER. Dennoch entwickelt er hier Power, die den Piloten mitreißt – in jeglicher Hinsicht. DAS IST SCHÖN ! Ein bestechender Drachen seiner Art !

Bft. 7-8 bleibt denjenigen, den absoluten Fans die wirklich das Speed-Powerkiten mit der Muttermilch eingesogen haben. Hier ist man im SIEBTEN ADRENALINHIMMEL: willkommen in dem Hyper – Space. SPACE KITES öffnet diese Welt dem Piloten. GNADENLOSER KICK !

Speed-Power-Kiten war jahrelang eine meiner großen Leidenschaften. Jetzt stehe ich auf dem Deich, über mir der DEVIL WING in seinem „Guck-mal-ich-kann-doch-kein-Wässerchen-trüben-Design“. Nur 1 Kommande in Richtung Winfenstermitte und ich brauche die Aufmerksamkeit eines Motorradfahrers bei Tempo 240 Km/h. Keine Drachendisziplin für Zuspätmerker, „Jetzt-lass-mal-langsam-gehen-Typen oder Extrem-Niedrigblutdruckler. Hier spricht die Hölle. Wer sie nicht durchfliegt – kommt um. Elendig.

Der DEVIL WING hat eine beeindruckende Fluggenauigkeit. Er kann etwas, was immer der Schwachpunkt von Flachbauspeedern war: der ruhige Hang am Windfensterrand ohne Höhenverlust.

Der erste Flugkontakt für Speed-Ranpirscher sollte im Bereich 2.5 – 3 Bft. liegen. Hier ist für den hungrigen Newcomer überschaubares Terrain. Die Stand-Off-Saumkantenspannung funktioniert einwandfrei. Er zischt, als hätte ein kleines, scharfes Messer den Himmel zerteilt. Hört sich beeindruckend an. Zuschauer wimmern geräuschlos am Boden. Nachteil: man bleibt allein. Vorteil, wenn man`s will. Vergleich in seiner Kategorie:

Nimmt man Größe+Speed+Zugkraft in einen Topf, ist er der König.

Da ich ihn noch nicht über Bft. 4 geflogen bin, weiß ich nicht, ob er den Thunder von Scirocco Kites, Matthias Franke schafft. Vor den 90ern gab es den Hurrican, Taifun und Speed Taifun Peter RIELEIT), deren Geschwindigkeiten von den Düsseldorfer Drachenfreunden durch Bewegungsschärfe auf Fotos gemessen wurden (die Gruppe um Peter Rieleit und Rolf Seligmann, April 1988). Heute noch steht der Rekord von 222,44 Km/h in ca. Bft.6 (Infos bei p.rieleit@mail.isis.de)

Mal sehen. Der DEVIL WING wartet ja auf mich auf der Insel.

Fazit:

Wir sprechen von einer anderen Welt. Das Fliegen von schnellsten Speed-Power-Drachen verlangt vom Piloten eine spezielle Art Brain-Work.
Da die Bewegungen des Drachen und damit auch des Pilotens schnell über die Grenze der bewußt gesteuerten Sensorik hinausgehen, gehen die Anforderungsimpulse lichtschnell ins Stammhirn, da, wo Urinstinkte und unbewußt gesteuerte Handlungsmechanismen warten. Sie steuern jetzt.

Bsp.: Alle Situationen, in denen man nicht mehr „weiß“, was man eigentlich machen soll -aber trotzdem handelt. Extremsituationen eben.

Hier begegnet man seinem Urinstinkt. Bei dem einen heißt er vielleicht „Flucht“ (er fliegt den Speed-Power-Drachen nicht über eine bestimmte Grenze, weil die Angst droht und er „weiß“, dass er dann fliehen würde/will.

Bei den anderen lockt das Überschreiten der Grenze. Er weiß auch nicht, was auf ihn wartet – blockiert aber nicht im Vorfeld durch Angst oder Vorsicht.

Jeder Höllentanz kann nur optimal gelingen, wenn man sich in seine Automatik fallen läßt. Viel Vergnügen in dieser anderen Welt.

Ich war schon da.

(Wer sich jetzt wundert, woher ich so etwas weiß.. im „normalen“ Leben bin ich Psychologe und Psychotherapeut).

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