Die MINI-MASTER-Story II

Text von: Jürgen Okrongli
Fotos von: Jürgen Okrongli
In den Anfängen der 90er Jahre pulsiert die Lenkdrachenszene mit unnachahmlicher Kreativität in Deutschland, England und den USA.

Gigantische Ideen beherrschen den Himmel. Eine Zeit, wo an verschiedenen Orten der Welt die Kreativität die ungeheuerlichsten Klassiker schafft. Für den Piloten und Käufer Adrenalinrauschzustände ohne Ende.

Wir schreiben das Jahr 1992. Die FLEXIFOIL und der SCORPION kommen aus GB über den Kanal und bringen himmlisches Vergnügen. HQ startet den genialen SILENT DART, der in übermächtiger Version in der Gasse von Windvogel Bremen thront. Four Winds aus HH zeigen mit der Tempest MK 2 Rakete, dass Windstärken bis Bft. 10 auch noch ideal für bestimmte Burschen sind. Uwe Gryzbeck kämpft mit seinen 4-Leiner-Fledermäusen, der FORCE 10 aus den USA erscheint als Powerkite mit 4.50 m Spannweite und beschehrt J. Okrongli sehnsüchtigste Großdrachenwünsche.Da gibt es bei Windvogel Bremen den BIG BIKE mit 6 m Spannweite und Power-Wing in Bergen aan Zee/NL ist spezialisiert auf schnelle und große Powerdrachen. Michael Sehorz (Drachenmichl) ist eine Legende und feiert Triumpfe mit dem AIOLOS, während er auf Demos seinen GIGANT – 4.50 m Spannweite fliegt. Der Big Brother II wird zu einem Designdrachen der Schwindelzustände erzeugt. Die krachigen Fire – Darts rasen noch rum. Der REVOLUTION II wird zum Senkrechtstarter bei den Vierleinern.

In diesem sinnesverwirrenden Getöse von Ideen und Ausführungen wird ein ganz kleiner Drachen geboren. Sein Erfinder Carsten Vieth nannte ihn MINI MASTER.

Dieser ganz KLEINE hatte aber soviel Überzeugungskraft, dass er ein ganz ganz GROSSER in der Drachengeschichte werden sollte, obwohl er, in Zentimetern gedacht, immer mini blieb.
2 Jahre lang wußte ich vom MINI MASTER nicht, dass es ihn gibt. Das änderte sich, als ich 1995 Redakteur bei „SPORT & DESIGN, drachen“ wurde. Jetzt kamen viel mehr Informationen über die Chefredaktion oder direkt an mich heran, so dass ich einen vollkommen anderen Blickwinkel bekam, was es in der Drachenszene alles gab.

Das war der Moment, da eine Testanfrage zum MINI-MASTER in die Redaktion flatterte. Obwohl mein Fachgebiet zu der Zeit bei viel größeren Drachen lag, interessierte mich dieser „Winzling“, zumal er nach technisch hoch interessanten Überlegungen konzipiert worden war. Carsten Vieth hatte Erklärungen zu Details, Schnüren etc. wie ich sie später nur noch 1 x wieder zu lesen bekam, als ich den Trick Tail von Martin Schob testete. Der hatte auch so einen Detailkult.

Und auf einmal kam das kleine Paket nach Hause. Mein großdrachenverwöhnter Postbote dachte, ich würde redaktionell abgestraft – bis er sah, was für ein Schatz sich in dem Paket verbarg. Staunen.

Ich selber hängte ihn an eine Leine und betrachtete ihn wie mit Detektivaugen: er trug die Nummer MM 281.

Heute hängt er noch immer – aber in meinem Arbeitszimmerfenster, der MM 281. Die Fotos sind von heute –
er ist von damals: 1995. Testbericht in SDD 6/95.
Der MINI MASTER ist von überzeugendem Packmaß. Den kann man einfach immer dabei haben. Bei jedem Spaziergang durch Wald und Flur – man zückt ihn aus der Manteltasche und: los geht`s.

Der Testdrachen (Foto) war die UL – Version, aus einem einzigen Paneel gefertigt, 12 g Gesamtgewicht, Icarex P 31, Rahmen aus 1,5 mm Exel, Waageschnur 25 daN PES Kevar, Windbereich Bft. 0 – 3.5. 1995 kostete er DM 74.5o. Hauchdünne Spinnwebschnüre von 4 daN kosteten ein Vermögen und trieben mich in die Testerverzweiflung, wenn ich den MM 281 draußen auf der Wiese flog: sie sah man nicht auf dem Boden – schnelle Vernotungsgefahr – Enttucken nicht möglich.

Als ich ihn das 1. Mal mit auf en Deich nahm – es war wohl Bft. 2 – flitzte der Kleine so schnell an den 5 m Schnüren um meinen Kopf, dass ich nach Sekunden adrenalinmäßig vor dem Mund schäumte. Draußen und Wind – ein anderer Typ ist geboren: Mr. Jackyll und Dr. Hyde.

Draußen und kein Wind – drinnen – das ist seine Welt. Als ich das 1. Mal einen MINI-MASTER-Könner, Horst Saak-Winkelmann, auf Uwe Gryzbecks Ausstellungen traf, lernte ich das Vermögen des Drachens kennen. Ich bat um Nachhilfe und wollte den Test erst schreiben, wenn ich seinen Charakter verstand und fliegen konnte. Das dauerte mehr als ein halbes Jahr. Es war eben eine vollkommen andere Welt für mich.

Später hörte ich, dass Carsten Vieth mit dem MINI MASTER 1234 Dreihundertsechziger geflogen war (360er kommt von 360 Grad und meint: einmal ganz im „Kreis“ um den Piloten). Dabei läuft der Pilot ein enges Oval rückwärts. Ein paar 360er sind normal – 1234 sind Weltrekord. Am 5.3.1995 wird der MINI-MASTER zweieinhalb Stunden ohne Unterbrechung in der Halle geflogen. Das ist Wahnsinn und Rekord.

Dazu gab es Minilenkstangen zum einhändigen Fliegen oder 2 zum Simultanflug. Ganz modern war damals auch das Umlenkfliegen (Dog Stake Flying), das man mit Umlenkrollen (beim MINI MASTER) oder Bodenankern bei größeren Drachen machen konnte. Der Drachen wurde ca. auf der Hälfte des Weges umgeleitet, man saß auf dem Boden, der Drachen flog mit dem Rücken zum Piloten an ihm vorbei. Die Zuschauer kreischen.

Auf Drachenfesten zeige ich manchmal noch diese alten Formen der Lenkdrachenanfänge, mit Lenkstangen (die heute im Kleinmatten-Funbereich / Rush 200 – HQ wiederkehren), mit Synchronflug, der mich, durch Freund Holm Gottschling angeregt, bis heute in eine stille Magie versetzt. Und eben dieses Umlenkfliegen – das ist furios, kreischend und verlangt dem Gehirn ein ständiges Umdenken ab. Sehr spaßig!
Der letzte Großauftritt des MM 281.
Drachenfest Niendorf/ Ostsee. In Organisation von Wolkenstürmer. Zufällig treffen sich 2 Kollegen einer Zeitung: Jens Baxmeier und ich. Jens beschließt die Fotos zu schießen und überläßt mir, als Neuanfänger bei SDD, den Schreibteil. Wolkenstürmer hat ein Starangebot am kleinen Strand von Niendorf(bei Timmendorf).

Sonntagmittag war Windstille. Alle Einleinerfreaks liegen gequält gelangweilt wie Harley-Typen vor ihren Großobjekten. Die Ostsee zeigt keine Bewegung. Es ist spiegelglatt. Gestern noch bestach der Großmeister Andy Preston allein mit seinem gerade erfundenen Kult-Trickdrachen STRANGER (der, der alles Trickfliegen einleiten sollte)und flog und flog – 3 Stunden – bis in die Dunkelheit. Davor machte er eine witzige Teamvorführung mit REVOLUTIONs. Besessenheit – dachte ich – Besessenheit. Das Publikum folgte ihm, wie einem Drachengott. Und er verdiente es.

Dann war da aber der Sonntag und: die STRANGER waren für 0-Wind noch zu schwer. Ich schmuggelte mich an der Einleinerriege vorbei und plazierte mich in der Nähe des Andy-Preston-Teams. Es war die Zeit des Testabschlusses. Ich konnte die Standard-Indoorfiguren der Damalszeit.

Als ich die Spinnwebschnüre auslegte dachten die Typen, ich würde ein Pantomime sein – keiner sah ja diese Schnüre – ich fast auch nicht. Der Aufbau des Drachens dauert 10 Sekunden. Dann .. ließ ich ihn einfach liegen.

Typen, die besessen sind, haben die Nase eines Hundes, der die Wurst noch nicht sieht – aber riecht – ahnt, da ist was Leckeres für mich, nur für mich ? .. bevor jemand anderes kommt..!

Andy Preston torkelte englisch -lässig auf den MM 281 zu.
Schaute sich den MM detektivisch listig an, wie jemand, der als damalige Berühmtheit den späteren Ruhm des Kleinen förmlich riecht – sieht die Spinnwebschnüre – verfolgt sie -keine Handschlaufen – einfachen Ummantelung am Ende.
Er nimmt beide Schlaufen sofort in eine Hand und fliegt –
kurz. Auch er spürt, dass er dem neuen Flugstil Zeit widmen müßte. Lande. Zeigt auf mich: „Come up, guy.“

Solche Momente nennt man wohl: besondere Momente. Ich wollte ihn nur für Sekunden staunen sehen.
Es gelang. Mein Vorbild staunte.

Jetzt ist es 10 Jahre später.

Der MM 281 hängt 1 m vor meinen Augen am Arbeitszimmerfenster. Immer.

Er war der erste Stardrachen, den ich testen durfte.

Danke mein kleiner Freund. Dir gebührt die Ehre des Fensterplatzes.

Danke Carsten / Kirsten Vieth..

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