Familiendrachenfest Neuenrade 2006 / I

Text von: Jürgen Okrongli
Fotos von: Jürgen Okrongli
Neuenrade liegt Luftlinie 40 KM östlich von Schwelm, meinem „home-office“. Straßenmäßig sieht das schon ganz anders aus. 66 KM – 75 KM je nachdem, ob mehr Landstraße oder mehr Autobahn. Übrig bleiben ca. 1 Std. 15 Min. für den ROTEN, einige Säcke voll erlesener Lenkdrachengiganten und ihren Fahrer.

Weit mehr ist aber der Landschaftssprung vom Bergischen Land ins Sauerland. Den Sauerländern sagt man noch ein paar Grad mehr Bodenständigkeit nach, deftige Hausmannskost und hohe Verträglichkeit von Bieren, klare Ansagen und verläßliches Organisationstalent. Alles Gründe für mich, seit Jahren zum Familiefest nach Neuenrade zu fahren. Die Wettervorhersage spricht von Sonnenschein ohne Regen. Der Jeep fährt „Oben ohne“.. Wind um die Nase, den Kopp und die Ohren soll fortan die Anreise, das Fest und die Rückreise bestimmen.

Die Organisatoren Joachim Kneer und Werner Pannewig informierten mich hervorragend über die Planung 2006. Motto: Drachen – Western Country. Paßt wie angegossen zum Sauerlandfeeling, der Skyline, den Vorlieben der Menschen zwischen den Bergen.

In diesem Jahr noch mehr Einleineranmeldungen, sich um die Landebahn aufreihende Wohnmobile. Die Country und Western Liebhaber kommen auf ihre Kosten: Bullriding, Tänze, Life Musik am Abend, Reiten, Kutschfahrten. Die Segelflugzeuge sind imponierend im Hangar drapiert, mit kleinen „Spielmodellen“ im Vordergrund – Liebe zum Detail und zum Sport fällt sofort auf.

Zwei Indianerzelte – Schminken auf indianisch – Informationen über das Leben und die Gewohnheiten der Indianer.

Tombola, Nachtfliegen, Feuerwerk am Samstag, Kinderspielplatz, Futterbuden auf sauerländisch und eine Riesenkuchentheke. Hier ist an alles – aber auch alles gedacht, was der Kurzweil dient. Hut ab ! Was für eine Organisation.

Der ROTE WRANGLER rollt auf den Parkplatz. Es ist 12.15 h. Samstag. Die ersten Einweiser hätten mich fast in die Westernabteilung gelotst. Wegen des satten Klangs des Triebwerks. Ich oute mich als Aktiver beim Zweilernerangebot. Wir versprachen in der Vorplanung von KITE-TESTS, Flugschule für Anfänger und Fortgeschrittene zu machen. Zündung aus. Ruhe. Angekommen. Sonnenschein.
In diesem Jahr sind die Zweileiner-Fans die Startbahn runter etwas `gen Westen gerückt. Es ist für jeden genügend Platz. Ich schaue mich um und sehe sofort unseren Wolfgang Neumann. In aktiven Zeiten 5 x Deutscher Meister im Lenkdrachenfliegen + Teamflieger. Wir nutzen Neuenrade immer zum Klönen, Fliegen, Currywurstessen und Neuigkeitenaustausch. In diesem Jahr kommt noch Matthias Wild hinzu, unser Neuzugang bei KITE-TESTS, ein Tiger Woods, wie ich ihn nenne. Wir wollen uns treffen, fachsimpeln und mit anderen fliegen. Nebenbei habe ich mir für dieses Jahr vorgenommen, auf Drachenfesten etwas für den Nachwuchs zu tun. Ran` an die Großdrachen, auch wenn man noch keine Erfahrung hat. Das mache ich seit Jahren auf Schiermonnikoog. Es schafft Lust, Leidenschaft und Stolz im Drachenblut von 9 – 12 jährigen.
Ich schaue die Meile entlang. Viele Einleiner schmücken den Himmel. Viel mehr, als in den Jahren davor. SUPER !

Da kommt ein Bursche auf mich schnurstracks zu: Werner Pannewig. Er begrüßt mich sehr freundlich und lädt mich zu einem Rundgang ein, um über die einzelnen Elemente des Festes zu informieren. „Wir wollen anders sein, als die anderen Feste.. ganz verschiedene Interessen sollen miteinander verbunden werden, die wiederum Familien ansprechen und begeistern können. Unsere Westernabteilung, die Flugzeuge, die Einleiner, die Zweileiner, das ganze Ambiente soll ein Stück unserer Gegend wiederspiegeln, in der wir gerne leben.“
„Ich genieße hier auch die wunderschöne Landschaft, die Ruhe und den sehr direkten Bezug zum Publikum,“ sage ich.
„Ja, wir wollen die Organisation nichtübertreiben und trotzdem soll alles gut laufen.“ – „Die Sauerländer sind Zupacker !“

Als wir eine Weile unterwegs sind, kommt Joachim Kneer dazu. Beide sind die Organisatoren des Festes. Athur Skibb huscht an uns mit einem Bündel Holzpflöcken vorbei:“Hallo Jürgen, bis später..“ – „Jouu .“

Das KITE-TESTS-Lager: von links..der ROTE (Wrangler), Wolfgang Neumann (der Champ), Matthias Wild (Tiger Woods), seine Freundin, der PURE 3 XL (4,60 m Riese).

Die neuesten Testdrachen gemeinsam anschauen, fliegen. Und dann sind da noch: die KIDS. Marlic (9 J.) aus Neuenrade mit rotem T-Shirt kommt und fragt, ob er `mal einen der Drachen fliegen könnte. Ich frage: „Bist Du schon `mal geflogen ?“ – „Ja, aber immer abgestürzt – jetzt ist er kaputt.“

Das ist eine ehrliche Aussage. Wer mit solch` einem Satz kommt und um einen Profi-Drachen bittet – der WILL ! Solche Typen kenne ich. Sie brennen. Man darf sie nicht halten. Man kann sie nicht halten ! Ich erkläre ihm den Buchtknoten – er kann ihn sofort :-))
Erkläre, wie Start und Lenkimpulse sein sollen – wie er, im Notfall, vor dem Aufprall des Drachens auf dem Boden, die Handschlaufen loslassen soll – gleichzeitig, wenn kein anderer Lenkdrachenpilot in der Absturzlinie fliegt. Er hört zu, sagt nichts, fliegt. Fliegt 1 Stunde. Danach kommt er an und fragt: „Wie macht man Kreise ?“ Ich erkläre nur, dass er eine Schnur 2 Sekunden stärker anziehen soll und dann wieder beide Hände auf gleicher Höhe. Er ist keiner, dem man es zeigen muss. Er ist GUT ! Und fliegt noch eine Stunde. Kommt an – und sagt: „Ich kann sie jetzt!“
„Zeig !“ sage ich. Wolfgang, Matthias und ich stehen zusammen und schauen zu. Wir Drei kennen es noch: das Gefühl des ersten Loopings. Alle anderen Flug – Gefühle stehen dem nach – fast. „Heh,“ sage ich,“ Du wirst einer von uns.“ – „Das glaube ich auch“, kommt als Kommentar.

Wir Drei schmunzeln. EINER WIE WIR :-))

Jetzt ist das Eis gebrochen – auf einmal haben wir 3 Kinderteams. Alle machen Buchtknoten. Starten. Stürzen ab. Stunde um Stunde.

Da kommt Bettina Weihe, Reporterin bei „Radio Märkischer Kreis“. „Sie verleihen einfach so Drachen ?“ – „Ja.“ – „???“ – „Wir brauchen begeisterungsfähigen Nachwuchs – Talente – wollen Drachenfliegen weitertragen als wunderschöne Freizeitsache.“

Der mit dem roten T-Shirt ist gut `drauf. Schleppt direkt eine Reporterin an. Und ZACK , sind wir mittendrin in einer Reportage. Die Reporterin Bettina Weihe will auch `mal einen Drachen fliegen und beigebracht bekommen, wie man es lernt. Der Kurze hat schon ein Profi-Aufnahmegerät um, Kopfhörer, Mikro, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Ich war als Junge auch so ein Typ und schmunzle mich kaputt, wenn ich heute solche Kinder hautnah erlebe – als stünde ich neben mir.

„Möchten Sie einen kleinen oder einen großen Drachen fliegen ?“ frage ich höflich. „Das überlasse ich Ihnen !“ Wolfgang Neumann kennt mich lange und weiß, was jetzt kommt. Er bringt sich schon `mal mit Matthias Wild in unverstellbare Zuschauerposition. Es wird voller an dem Stück Flugplatz.

Ich wähle THORs HAMMER mit 4 Meter Spannweite. Da kann man nichts mit verderben. Kein Aufschreien, kein Protest. Einfach nur Stille.

Kurz vor dem Start. Ich starte, wie abgesprochen und übergebe die watttierten Handschlaufen nach 10 m Höhengewinn. Hinter der Reporterin stehend, steuere ich, indem ich in ihre Ellenbogen greife. Jahrelang so geholfen – geht gut. Bettina Weihe macht das gut – hat ein Händchen fürs Drachenfliegen. Klasse ! Zwischen uns ragt ein Mikro in die Höhe. Sie kommentiert, fragt, ich antworte, lenke, fange einige kleine Einleiner ein und lasse sie vor dem Verzweiflungspunkt ihrer Besitzer, wieder entkommen. Hier stehen 3 Typen zusammen, die verrückt sind – verrückte Ideen Wirklichkeit werden lassen. Für solche witzigen Einfälle würde ich auf jedes Drachenfest fahren – es ist eine Gaudi – sprüht. Es hat die Leichtigkeit des gewollten Andersseins – da wo Draufgänger wohnen. Wenn die sich finden – knallt`s !

Der Flug geht bestimmt 5 Minuten. Wir sammeln `mal hier einen Einleiner ein, `mal dort – ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Wir lassen sie ja noch am Himmel wieder frei. Außerdem sind wir ja im Zweileinerflugfeld – anders wäre es schon, würden wir mit THORs HAMMER in fremden Gewässern fischen. Nicht auszudenken, wie dann einige Forums – Tratsch – Tanten bis zum Blutsturz ächtzen würden.
(wurde mir gesagt). No problem. Wir sind Profis.

Der Großdrachen landet. Eine äußerst glückliche Reporterin. Ein lächelnder Neu-Toningenieur. Ein zufriedener Jürgen O.
Der Rollentausch von Geradenochtoningenieur zum JetztschonwiederDrachenpilot gelingt fließend. Die unvermeindliche Frage kommt: „Kann ich `mal einen anderen Drachen fliegen ?“ – „Ja! Welchen ?“ – „Den !“ (Er zeigt auf den großen Yin Yang von Wolfgang Siebert , Drachenkiste).

Ich hole längere Schnüre. Er wechselt den Flugort. Andere Kinder wollen jetzt auch wechseln. Einer kommt ganz mutig und fragt (mit Assistentin) nach THORs HAMMER. „Klar !“ Er schmunzelt, weil für diesen Moment die sonst verschlossene Welt des Unmöglichen geöffnet wird – mit einer ganz normalen Frage.

Noch ein paar Erklärungen zum Einstieg ins Großdrachenfliegen – seine Eltern stehen direkt hinter mir: „Meinen Sie ..?“ – „Wo wohnen Sie,“ frage ich. „Dort, hinter dem Berg,“ zeigen sie mir – in Windrichtung. „OK, dann geht`s,“ sage ich,“ er wird heute eher zu Hause sein, als sie.“ Sie lächeln voller Vertrauen :-)(

Der Vater des Roten-T-Shirt-Jungen kommt mit ihm auf mich zu: „Ich möchte mich sehr bei Ihnen bedanken. Habe gehört, dass Sie Psychologe sind. Dann kommen Sie mit meinem Sohn bestens klar.“ – „Auch so, „sage ich, „auch so..“ („Bevor ich Psychologe wurde – war ich ein solches Kind – deswegen“, dachte ich).

Die KIDS sind gut 5 Stunden zugange und können nicht genug kriegen. Das läßt meinen Entschluß für`s nächste Jahr endgültig sein: fest im Neuenrader Familiendrachenfest – Programm : Drachenschule mit KITE TESTS – Profi – Piloten. Das Material wird natürlich danach ausgesucht, dass dem Publikum und den jungen Piloten an Dramatik kein Gramm verloren geht..

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