KAMEN KITE 2007 – Frühe Samstagseindrücke

Text von: Jürgen Okrongli
Fotos von: J.O.
Am 5. + 6. Mai erlebt KAMEN zum 20. Mal das Internationale Drachenfest. KAMEN ist ansonsten vielen bekannt durch entspanntes Verweilen am Kamener Kreuz auf der A1, nördlich von Dortmund.

2007 übernimmt erstmalig die Stadt KAMEN das Hauptsponsering. Weiterhin zeichnet UWE GRYZBECK mit klarem Blick die Geschicke der Drachenflieger und des Rahmenprogramms.

Die beiden erst einmal letzten Tage einer APRIL-Hitzewelle stehen als Good-Will zum Gelingen des Festes.

Das wäre der Rahmen. Ich fahre los ..

..Es geht in Wuppertal-Nord mit geöffneten Fenstern und geöffnetem Dach auf dem Highway One Richtung Kamen. 10 Uhr und schon 20 Grad. Das hätte meinem Roten geschmeckt. Er wird gerade generalüberholt.
Kamen-Zentrum geht`s ab. Da sehe ich auch schon erste, wegweisende Schmetterlingslogos des Drachenfestes. Ich folge ihnen..NICHT. Ich teste in den Städten gern `mal, wie mir die Bevölkerung weiterhilft. Als erstes frage ich ein junges Paar, das mir gut den Weg erklärt hätte, hätte sich nicht auch ein albanischer Bauarbeiter eingemischt. Der wußte noch eine Abkürzung. Ich bedankte mich. Sie waren SEHR freundlich und nett und hilfsbereich. Ich fuhr aber nach 1 KM wieder falsch, .. sonst hätte ja mein Plan nicht funktioniert. Als nächsten traf ich einen Rentner, der gerade aus dem Münsterland nach Kamen gezogen war. Er erklärte mir höchstkompliziert, mit vielen Rechts und Links, ich schrieb mit, hinter mir schon ein Stau, keiner hupte, der Rentner hörte gar nicht auf.. ich fuhr weiter. Als nächste eine junge Frau mit bildhübschem Kinderwagen (falsch: eine bildhübsche junge Frau mit Kinderwagen). Sie war super drauf, tanzte fast bei der Erklärung und sagte:“ Bis zum Kreisverkehr, dann immer geradeaus, dann wieder ein Kreisverkehr und wieder geradeaus.. eigentlich.. immer geradeaus.“ Sie lachte über sich selber. Ich saß schenkelschlagend im Wagen und dankte ihr winkend.
Also: KAMENER sind sehr entspannt und sehr hübsch. Im nächsten Jahr mache ich wieder diese Nummer.

Es ist kurz vor 11 Uhr. Ich betrete das Gelände. Sonne, so weit der Himmel reicht, aber nur wenige Einleiner. Was ist los ?! In der Eingangszeile gibt es noch mehr Stände – ein wenig, wie auf dem Jahrmarkt: Poppkorn, Lebkuchenherzen, Currywurst, Putengeschnetzeltes, Softeis, Backkartoffeln mit Kräuterquark, Getränkestände .. da ich auf der Cranger Kirmes aufgewachsen bin, ist mir dieser Background sehr vertraut. Dann ein Hebekran für Kinder, Segelflugzeuge zum Anfassen .. und und. Ein buntes, kurzweiliges Angebot.

Mein erster Eindruck: in diesem Teil des Geländes halten sich mehr Menschen auf, als bei den Drachen. Es sind auch nur wenige Einleiner im vorderen Teil am Himmel. Zu früh.. ?
Kaum zu glauben, weil alle Campingmobile ihre Stühle und was dazu gehört,schon draußen haben. Es ist 11 Uhr.

Ich treffe Wolfgang Neumann, Freund und KITE-TESTS-Kollege, sowie die nette Gang vom letzten Jahr. Wir treten den langen Weg zum Zweileiner-Gelände an. Auf der Hälfte taucht Uwe Gryzbeck mit dem Roller auf. Wir begrüßen uns nach alter Ruhrgebietsart. Schön, ihn als Freund zu haben. Auf meinem 50. Geburtstag überraschte er mich mit einem geheim aufgebauten 30-minütigem Feuerwerk, zu dem Holm Gottschling sang (wir konnten Holm nicht zum Schweigen bringen). Es gibt Dinge, die uns immer verbinden werden.

Da plustert sich auf dem Platz ein riesiger Simpson auf. Na, also! Es geht doch!
Auf dem Weg zum Zweileinerbereich sehe ich, dass Wolfgang schon fliegt. Er fackelt nicht lange. Ich geselle mich auch zu der Zweileinergruppe, packe die mitgebrachten Drachen aus – der EOLO ist sofort weg. 1 Sekunde. Die anderen sind Oldies but Goodies: 3 Drachen aus der Mitte der 90er: der Big Trick von Elliot, der X-Raver von M. Tiedtke und der normale Balance von M. Ryll. Später habe ich auf dem Feld ein Gespräch mit „alten Profifliegerhasen“ über die Entwicklungen im Team-, Pairflug, Trickpartys und und. Sie vermissen die schönen Flieger, die spurgenau geradeaus fliegen können. „Tricksen ist doch was für die Jungen, die zeigen wollen, dass sie einen Trick mehr können. Wir sind jetzt so weit, dass wir nichts sehnlicher wünschen, als einfach nur schön geradeaus zu fliegen. Alles andere können wir ja,“ sagte mein Gegenüber, „aber die heutigen Drachen können es nicht mehr,“ und klopfte seinem Ex-Teamkameraden Wolfgang Neumann auf die Schulter.
Daraufhin versuchte ich meinen Balance zu fliegen – aber der Wind war hochkompliziert für Schönflug. Er drehte innerhalb kürzester Zeit um 90 Grad, war böig, blieb auch `mal weg. Jetzt hatte ich die Erklärung, warum so wenige Einleiner am Himmel standen.
Selbst der bezaubernd weiße Bär hielt es mehr mit der Horizontallage auf dem Rasen, als zum Himmel emporzusteigen. „Seltsam,“ dachte ich,“ jetzt ist so ein Traumsonnenschein aber doofer Wind. In den Gesprächen am Rande merkte ich von Seiten der Aktiven, dass das sie überhaupt nicht störte.

Ich ging kreuz und quer über die Wiese – da ein Foto, hier ein Schmunzeln, Gespräche mit holländischen Freunden: sie fragten, ob ich auf Schiermonnikoog lebe. „Fast,“ sagte ich, “ 4 Monate des Jahres.“ „Das ist Luxus,“ kam die Antwort. Stimmt. Ich genieße es sehr.

Meine Beine führten mich in die Duftmeile und stoppten vor einem Metzgerstand. Viele interessante Sachen. Ich entschied mich für Putenstreifen in Curry mir Paprikagemüse und Zwiebeln. Die kulinarische „Meile“ hat ihren Lockruf. Hier waren mehr Menschen, als bei den Drachen. Sollte die KITE im nächsten Jahr dann etwa Kamener Volksfest 2008 heißen. Na ?!

Was mir in den ersten Stunden des Festes fehlte, waren die Lenkdrachengrößen früherer Tage, die immer hier zu Gast waren: Drachenmichl, Peter Gührs, Martin Schob, Holm Gottschling .. he .. wo seid ihr. Es war immer toll, mit Euch in Kamen ein paar Flugscherze zu machen. Kommt zurück !

Während ich das so dachte, waren meine Beine schon wieder Richtung Zweileinercamp.
Als ich eintraf, war gerade Abhängen angesagt. Mittagshitze. Der erste Drang des Fliegens war gestillt. Siesta.

Es wurden ein paar Geschichten hervorgekramt. Georg ließ einen imposanten Einleiner steigen, der aber bald am Himmel verrückt spielte und krachend auf dem Boden aufschlug – 10 m neben Fußgängern. Ich dachte, er verschluckt seine Zunge.

Aus dem Camp war nur die sonnenmüde Bemerkung zu hören: „Is watt kaputt ?“ „Nee, der doch nicht.. willst du ihn kaufen ?“

Es ist nach 14 h. Ich packe meine Sachen. Wolfgang auch. Wir gehen gemeinsam bis zum Ausgang und treffen Wolfgang Siebert, der vor seinem Auto Unmengen seiner Drachen aufgebaut hat. Er zeigt uns den neuen Sting und die scheuschutzgefertigte Waage. Wolfgang schaut in verwundert an: „Wie kannst Du das arbeitszeitmäßig im Preis .. ?“ Wolfgang Siebert lächelt aus sonnenbraunem Gesicht: „Darum geht es mir nicht ..“ Wir ziehen weiter und schauen noch etwas zurück: „Er ist früher Team geflogen und kann noch alles, wie man sieht.“ Ich schmunzle auf den Boden und denke:“ Ich weiß.“ Wir sind an der Straße angekommen: Wolfgang nach links ich nach rechts. „Maches gut. Bis Neuenrade.“ „Erst einmal, sagt Wolfgang,“ fahre ich in 3 Wochen nach Ameland. Dann schicke ich Dir einen Drachengruß mittels Einleiner nach Schiermonnikoog. Auf Ameland fliege ich nur Einleiner – wegen meiner Frau.“ Ich schmunzle.
Am Auto angekommen, packe ich die Drachen ein, wechsle Sachen in meinen Taschen. Und da muss es geschehen sein – von mir unbemerkt. Ich gehe über den Platz, wollte bei Windvogel Hamm (Foto) noch eine große Holzspule für Einleiner kaufen, bei Wolfgang Siebert den STING schon `mal antesten, bevor ihn unser Matthias Wild in den nächsten Tagen zum Test bekommt – zuvor eine Kartoffel mit Kräuterquark. Ich bestelle. Die Kartoffel steht vor mir. Ich greife in die Hosentasche. Wo vorher 70 Euro waren ist jetzt gähnende Leere. Ich fasse es nicht. Bestelle die Kartoffel ab. Die Frau ist verwirrt. Ich auch. Gehe schnellen Schrittes den Weg zurück. Nix.

In meinem Leben habe ich noch nie Geld aus der Tasche ..

Als ich daheim bin, tröstet mich meine Frau: „Kannst Du jetzt auch nichts mehr machen. Der es gefunden hat, hat sich gefreut.“

Ich weiß nicht so genau, ob das Trostsätze waren. Im nächsten Jahr Kamen werde ich eine andere Hose anziehen, alle Holzspulen schon vorher kaufen, den Rest in Hartgeld auszahlen lassen, Schob, Holm, und Genossen anrufen, damit sie kommen und wieder am Anfang einfach kreuz und quer durch Kamen fahren und die Kamener um Auskunft bitten.

Während ich daheim ein Schwelmer Altbier aus der Bügelflasche auf`m Hof trinke, laufen die Eindrücke von 5 Stunden KAMEN an mir vorbei. Langsam, ganz langsam findet ein Lächeln sich bei mir heimisch.

Am Montag nach dem Wochenende erfahre ich von Uwe Gryzbeck, dass am Samstag tagsüber bis inkl. Feuerwerk „misteriöse“ Dinge abgelaufen sind: Stromstecker, die nicht so einfach herauszuziehen sind, getapt waren, waren herausgezogen und sorgten für kaum hörbare Ansagen im Aktionsfeld und Überschallung in der „kulinarischen Abteilung“. Während des Feuerwerks, das ausschließlich funkgesteuert laufen sollte – wie immer – setzten sich die Funksignale trotz einer Profianlage nicht durch und ließen das halbe Feuerwerk platzen. Es sollte das Debüt von Ulla Bepko werden, die gerade frischgebackene Feuerwerkerin geworden war.
Mit immer noch ordentlicher Wut im Bauch fragt mich Uwe, wie ich es nennen würde ? „Sabotage,“ sage ich. „Das sagten andere auch.“ Wir werden jetzt alles an der Anlage, seitens der Herstellerfirma, durchschecken lassen, obwohl es eine totale Profianlage ist, die selber Fehlermeldungen durchcheckt.“

Ich bin fassungslos! Auch, weil ich seit Jahren weiß, wieviel Hintergrundarbeit eine solche Festorganisation bedarf. Ich wünsche Euch, dass alles auf einen technischen Fehler zurückzuführen ist – ..

Danke für soviel Engagement, Schweiß, Tränen und Wut. Ihr seid GROSS !

Bis zu einem erfolgreichen nächsten KAMEN KITE 2008.
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