„Kumma widder fliecht“ Teil 1

Text von: Jürgen Okrongli
Fotos von: Jürgen O.
Als Grönemeier sein Lied > BOCHUM < 1 Jahr gesungen hatte, wußte Mann und Frau von der Hallig Hooge bis zum Kleinwalsertal, dass Bochum TIEF IM WESTEN liegt. Diese etwas ungenaue Angabe hilft aber ohne NAVI oder Google Earth nicht unbedingt weiter, wenn man in Frankfurt/Oder eifach `gen Westen fährt. Für die Menschen aus dem POTT liegt Bochum "ziemmich mittich". Bochum-Eppendorf (ehemals Wattenscheid-Eppendorf) liegt so versteckt, dass selbst ich mit meinen ersten 27 Jahren Ruhrgebietsleben - ohne NAVI - fragen muss. Am Beispiel dieses kleinen Stadtteilfestes möchte ich ein paar Gedanken zu folgendem Thema fliegen lassen: "Wie groß muss ein Drachenfest sein, um Spaß und Staunen, Zufriedenheit und kindliche Erwachsenengefühle zu haben ?" ES IST SAMSTAG, DER 18. AUGUST 2007. ICH FAHRE INS RUHRGEBIET / IN DEN POTT. Den Bochumer Stadtteil kenne ich nicht. Ich dringe tief in den Pott ein / Heiliger. Um Ecken und Kanten. Frage... dann komme ich an. Als ich den Zufahrtsweg sehe, wußte ich, den hätte mein Jeep gemocht. Eine große Wiese, große Ackerflächen - symbolisierten in meiner Kindheit HERBST - UND WINDVÖGEL STEIGEN LASSEN. Was sofort spürbar wird: DAS HAT WAS. Es hat etwas Eigenes, so, wie: unser eigenes Stadtteilfest. Und Fremde kommen nur, um uns " was zu bieten". Als ich aussteige und frage, ob es noch eine andere Zufahrt gäbe:"Weiss ich auch nich - bin auch von da gekommen." Ich gehe langsam mit meinen Drachen in eine Richtung, die vom Fest wegführt - ich suche noch einen anderen Autoweg. Mir kommen beladene Drachflieger entgegen:"Kein Wind ?" - "Ich guck mal, ob man hier mit den Auto rausfahren kann ?" - "Kannze - musse bischen schräch fahrn." - Ich schaue und merke, dass die mich AUF`N ARM GENOMMEN haben - gehe wieder zurück und wende mich dem zu, was wirklich wichtig ist: DRACHEN FLIEGEN. Die Wiese hat etwa die Größe eines halben Fußballplatzes. An den Rändern stehen vereinzelt Mobilheime, Wohnwagen, Festzeltbänke und -tische, die Kuchenabteilung und die härteren Sachen, wie Bier & Würstken. Ich gehe ganz langsam, mit gezückter Kamera in der einen und Drachen in der anderen, an allen Gruppierungen vorbei. Alles in allem: 2 mir bekannte Gesichter - eines aus Schwelm, das andere gehört Arthur Skibb. Er ist der Mikro-Sprecher - der Heimatverein der Ausrichter. Das sieht man auch an dem Streusel- und Butterkuchen. Unkomplizierte Frauen verkaufen unkompliziertes Gebäck. Die Stimmung ist wie auf einem ruhigen Heimatfest ohne Betrunkene. Menschen schauen aufmerksam hin und her. Nicht hastig - Eile tot nicht Not. Hier sind viele Ruhrgebietsoriginale - junge und alte. Meine Sinne sind sehr gespannt. Der Wind ist grausam schwach und boet manchmal auf. Dann kommt Geschäftigkeit auf. Als müßten die großen stablosen Figureneinleiner einen Riesenatemzug nehmen, nicht wissend, wann nächstes Mal Luft zum Atmen kommt. Ich stehe am Kuchen. Schaue. Und erblicke den ersten Windvogelkuchen meines Drachenfestlebens. Liebevoll. "Einen Kaffee und diesen Kuchen, bitte. Der sieht toll aus..!" Mehr als ein bescheidenes Lächeln kommt nicht. Ich setze mich auf einen Stuhl, dicht neben einen fast gleichaltrigen Burschen: "Gemütlich hier." - "Jo, iss ganz schön." - "Ist das schon öfter hier gewesen ?" - "3..4 x ..auch auf anderen Wiesen. Die waren nicht so gut bei Regen." - "Sind sie ein Aktiver ?" - "Ja, aber in der Organisation durch den Heimatverein." Ich beiße in den Kuchen und schaue in die Luft. Hoch stehen, wie immer, die Einleiner, die da wohl schon 1 Jahr hängen. "Sogar mit dem Mobilheim sind die gekommen.." - "Ja, die stehen hier schon eine Woche.." - Ich lache. Ein anderes Urlaubsverständnis - ein anderes DAS WILL ICH. Hmm? http://www.eppendorfer-heimatverein.de (470 Mitglieder). Der Bursche vor mir spürt meine zweifelnden Gedanken im Rücken und schiebt nach:" Haben doch alles hier..Wald, Wiese, Flur und einkaufen können se zu Fuß. Watt wollense den mär ?" - "Und schon mal paar Drachen fliegen." - "Jau.." Viele Kinder sind schon angemalt und werden von den Bleichgesichtern bewundert. Mein Gott, wie lange ist es her, dass ich auf den ersten Kinderfesten in Dortmund Schminkstände gesehen habe. Und immer noch üben sie ihren Reiz aus. Fertig geschminkt sieht man die Kurzen dann mit Windvögeln über den Acker schießen.. eine Szenerie wie 1955 - 1960 im Ruhrgebiet. Die angrenzenden Ackerflächen sind so groß wie 2 Fußballfelder und haben genau noch die ekligen, stechenden Halmreste wie früher, wenn ich schnell zur Schule rannte - Abkürzung beim Bauer über`n Acker. Nicht HINFLIEGEN - tut schweineweh..! Die ganze Szenerie ist ruhig - keine Musik - keine lärmenden Gespräche. Die Sonne schein MAL und MAL nicht. Wehselspiel. Die Festzelttischen sind besetzt. Opa, Oma, Mutter, Vater, Kind verschnaufen bei Kuchen und Bratwurst, Pommes , Bier und Limonaden. Es ist ein lauerndes Warten. Als würde gleich jemand einen Startschuss geben. Der Wind. Die großen stablosen Einleiner liegen wie schlaffe Ballonhüllen in der Wiesenmitte - wie Teppiche. Eine Frau fragt: "Wann geht es denn hier los ?" - "Ein etwas genervter Großdrachenbesitzer antwortet: "Es ist schon losgegangen - schauen sie doch.." Er zeigt auf die sehr bunten und kreativen Kreationen einzelner Drachenbauer." So kann man brilliant aneinander vorbei reden. .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *