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Einstieg in den SYNCHRONFLUG

Text von: Jürgen Okrongli
Fotos von: Jürgen OkrongliCheyenn1
Anfang 1996 erhielt ich als Tester von Sport & Design, drachen ein Drachenpaket der Firma EAGLE KITES, geführt von Peter Gührs, damals aus 73770 Denkendorf im Süddeutschen.

Der Inhalt: der CHEYENNE. Was ich noch nicht ahnte: er sollte einer der drei Drachen werden, die ich bis heute am liebsten fliege. Immer, wenn ich auf der Insel Schiermonnikoog bin, gehört es zum absoluten MUSS, ihn früh morgens oder in die Dämmerung hinein zu fliegen.

Schon vor jetzt 10 Jahren war der Cheyenne kein Trickflugdrachen. Mit seinen 2.20 m Spannweite und 1.10 m Höhe, einem Gewicht von 260 g, Gestänge Fasermatrix UL/ G-Force und Icarex P 31 kostete er damals 270 DM. Es gab ihn noch als UL- und Vented-Version. Die reichten der Standardversion aber nicht das Wasser. Heute gibt es Eagle Kites nicht mehr. Der Cheyenne wird von Peter Gührs nicht mehr gebaut.

Typisch für sein Flugverhalten war der sehr langsame Flug auch schon ab Bft. 0.5 und die damit verbundene Druckentwicklung. Dieser Drachen hat, wie kein anderer Drachen nach ihm, den ich geflogen bin, eine hochmystische Ausstrahlung in seinem Flugbild. Er fliegt enorm sanft – hat aber Zug. Ein eher seltenes Wechselspiel bei Kites.

Alles, was der Cheyenne kann, macht ihn 100 % ideal für den Synchronflug. Das erkannte auch mein Freund Holm Gottschling, der mehrfacher Europameister im Synchronflug gewesen war, bis der Freestyle aus dem Wettbewerb genommen wurde. Ein S.T.A.C.K.-Fehler ! (siehe Heft 2/97 SDD:“Mysteriöser Freestyl-Tod beim Europa Cup 1996″).

Meine Idee zum Synchronflug entstand dadurch, dass ich Holm kennenlernte und ihn überraschen wollte. Überraschen in der Hinsicht, dass ich Monate heimlich auf meiner Insel trainierte, um ihn dann beim Kölner Glühweinfliegen zu überraschen. Eine Freundschaftsgeste sozusagen.

Dass es sich aber zu weitaus mehr entwickeln würde, und ich nach 10 Jahren immer noch sehr, sehr gern Synchronflug mache, weil es eine traumhafte Schönheit hat und die Zuschauer i m m e r vollkommen verblüfft und fasziniert sind, ahnte ich damals noch nicht. Aber der Reihe nach..
Als der zweite Cheyenne in UL-Version getestet war, rüstete ich ihn kurzerhand auf Standard um, weil der Standard eben auch ab Bft. 0.5 fliegt und, im Gegensatz zum UL bis Bft. 3.5 hochreicht. Darüber will der Cheyenne nicht – findet er nicht gut.

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Jetzt hatte ich schon `mal 2 gleiche Drachen (der UL ist im Segel etwas blasser). Der 1. Schritt war getan. Beim SYNCHRONFLUG sollten beide ja auch gleich langsam fliegen.

Aus dem Baumarkt besorgte ich mit ein Alurohr, sägte es auf 20 cm. Handgriffe aus Schaum holte ich im Fahrradladen. Die schwarzen Gummi-Endkappen aus dem Campingzubehör und die Seile, die aus den Kapen kommen, um die Lenkschnüre daran zu befestigen, aus einem Outdoor-Geschäft. 1996 war noch die Zeit der eigenen Erfindungen unter den Kitern. Es gab noch bei weitem nicht die Zubehörvielfalt der heutigen Tage.

Das sah alles schon `mal gut aus! Allerdings fliege ich auf Schiermonnikoog auch einfach nur `mal mit Strandholz – das geht überall mit. Zur Not und zum Erstaunen der Kids.

Wenn Sie hier unter STORIES die Artikel zu RAY BETHELL und CARL BRAGIEL anschauen, sehen Sie, dass die beiden Griffe benutzen, die den Vierleinergriffen ähnlich sind. Das hat HOLM GOTTSCHLING auch so gelöst. In jedem Fall sind es bis heute noch Eigenkonstruktionen.

Die Schnüre: Dyneema 50 Kp / 38 – 40 m oder 70 Kp / 31 – 33 m. Ein Leinenpaar ist 1.50 m länger – für bestimmte Flugpositionen, wenn der an den kürzeren Schnüren vor dem anderen auf den Schnüren aufliegt. Das ist schon sehr speziell.
Um sich an das neue Lenkgefühl zu gewöhnen, flog ich anfangs erst einmal e i n e n Drachen: einmal in der linken Hand – das nächste Mal in der rechten Hand. Wer noch aus der Zeit stammt, frühere Powerdrachen mit einer Lenkstange geflogen zu sein, erinnert sich an das Steuergefühl. Für Anfänger ist es viel leichter, ins Lenkdrachenfliegen hineinzukommen, weil sie schneller begreifen, dass nicht das wilde Rudern mit den Armen etwas bewirkt, sondern lediglich der Vorwärts- Rückwärts-Impuls.

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Wichtig ist, dass Sie dieses spezielle Bewegungsgefühl ins Gehirn „laden“. Eine sehr schöne und später auch recht nützliche Variante ist es, sich 2 Karabiner links und rechts an die Hosengürtelschlaufen zu klicken und einen Drachen daran zu befestigen. Jetzt können Sie, zur absoluten Verblüffung Ihrer bewundernden Zuschauer, „ohne Hände“ fliegen. Das ist überhaupt nicht schwer – macht aber einen ungeheuren Eindruck. Trinken Sie später dabei noch einen Kaffee und essen gleichzeitig ein Plätzchen. „Mich hat beim Lenkdrachenfliegen schon immer gestört, dass man die Hände nicht frei hat,“ bemerken Sie dann beiläufig. Halten Sie einen Kugelschreiber für Autogramme bereit.

Sind Sie erst einmal an diesem Punkt angekommen, wird die Phantasie dreist. Wir haben früher MINI MASTER mit den Ohren geflogen. Nun, das ist Geschmacksache.

Beliebt ist, wenn man später 3 Drachen fliegen möchte, sich ein Brusthalfter zu nähen, an dem in Achselhöhe Ringe eingearbeitet sind. Carl B. und Holm G. haben solche Sachen gebastelt. Vorteil: wer eine breite Brust hat, kann enge Loops fliegen, hat den breitesten Leinenabstand am Körper ohne die agierenden Arme zu behindern. Ab hier beginnt die Welt der eigenen Ideen.
Möchte man die Drachen aufgestellt startbereit haben (Foto), empfiehlt es sich mit jeweils 2 Heringen pro Handgriff zu arbeiten. Die sauberste Lösung. So kann man immer auch erst nur mit einem Drachen üben.

Das Üben des Starts ist unwichtig, weil es sofort klappt. Die Landung ist ein anderes Ding. Schaut man ein wenig den Teamfliegern über die Schulter, so entscheiden sie sich, wenn es um die Sicherheit und einen gutgetimeten
Abschluß geht, für eine Leitkantenlandung. Das ist einfacher als eine Zweipunktlandung (auf beiden Flügelspitzen). Aber: man sollte den Leitkantenstart mit Griffen vorher geübt haben. Das ist aber nicht so schwierig, wie manche(r) jetzt vermuten mag. Es sind wirklich nur kleine Übungsbausteine.

Was mich beim Erlernen des Synchronflugs zuerst am meisten überrascht hat: es ist leichter zu erlernen, als es aussieht. Aber: es sollten die richtigen Übungen hintereinander gesetzt werden, damit man den Spaß und die Motivation zum Weitermachen behält.
Darum an dieser Stelle ein paar Flugübungen der ersten Stunden.

* Wählen Sie für das 1. Mal einen Wind um Bft. 1.5, wenn Ihre Drachen bei Bft. 1 sicher und mit spürbarem Zug fliegen.

* Versuchen Sie vielleicht in Form der flachen liegenden Acht in einem Abstand von ca. 5 m hintereinander zu fliegen. Bei den Kehren am Windfensterrand lassen Sie den hinteren Drachen dann vorne weg fliegen, um anfängliche Schnurverdrehungen zu vermeiden.

* Die Geschwindigkeit der beiden Drachen muss exakt gleich sein – Waagetrimmung. Eventuell zusätzliche Waagemarkierungen vornehmen.

* Eine sehr schöne Anfangsübung ist es, die beiden Drachen nebeneinander senkrecht bis fast zum Zenit zu fliegen und oben in einem großen Looping (der eine nach rechts – der andere nach links)fast bis zur Bodenberührung zu fliegen und immer so weiter. Im Prinzip sind es zwei gegenläufig große Loopings.

* Zu den Grundübungen gehört Gegenläufigkeit und Symmetrie. Ich habe mir daheim immer die Figuren aufgezeichnet, die ich fliegen wollte. Blatt 1 eine Figur – Blatt 2 die nächste – Blatt 3 .. So kann man schon bald seine eigene kleine Kür zusammenstellen und – während des Flugs – vor sich auf dem Boden liegen haben, bis man/frau es auswendig hat.

* Spätere Formen sind dann z.B. a s y m m e t r i s c h .
a) ein Drachen „parkt“ am Windfensterrand – der andere fliegt
b) einer macht kleine Loops – der andere große

Das sind schon Vorbereitungen zum Freestyle.

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Wenn Sie jetzt noch etwas Musik einstudieren und Bodenfeuerwerk dazu zünden, Sie je nach Thema in Theaterkostüme schlüpfen, dann sind Sie da angekommen, wo HOLM GOTTSCHLING in den 90er Jahren war.

Aber das muss ja nicht sein. Auch ich bin nicht so weit gegangen, habe mich nicht verkleidet – kein Feuerwerk abgeschossen. Musik – ja. Bevorzugt keltische Musik. Die läßt einem schon das Blut in den Adern gefrieren, bevor der Start gewesen ist.

Egal, welchen Weg SIE gehen. Ich wünsche Spaß und Erfolg dabei.

 

 

 

 

 

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