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LOVESTORY oder: Der Riese >TRUE 360< und das Buggy

True360Text von: Jürgen Okrongli
Fotos von: jo und Michael Ryll
Die Geschichte beginnt etwa in der Mitte der 90er.

Angestoßen durch allerlei Experimente und Ideen aus den ersten Jahren der Journaltätigkeit für den Drachensport, war es dennoch der Verdienst meines Neffen Julien, der selber schon ein Buggy auf unserer Insel Schiermonnikoog/ NL ständig in unserem Schuppen stehen hatte. Er hatte „seinen“ Lieblingszugdrachen, ein einfacher 180er Delta von Elliot, mit dem für uns unvergeßlichen Namen >Skyracer<. Mit diesem Drachen sprang er durch die Lüfte, oder wir ließen uns, voller Dramatik, vor Publikum, über den Strand schleifen.

Julien war damals 10 – 15 Jahre alt; ich 30 Jahre weiter. Das sah auch nicht schlecht aus!

Er hatte seinen Drachen gefunden / ich noch nicht.

Dann schrieb ich den Test des Michael Ryll – Drachens >TRUE 360< und gleichzeitig war es der 1. Riese aus dem Hause Ryll, den ich zu lieben begann. „Made for buggy – made for me,“ dachte ich. Und so begann eine Liebesgeschichte von Riesen, dem Buggy und mir. Herzlich willkommen.
Als ich den >TRUE 360< aufgebaut hatte und sich 3,60 m Spannweite vor mir ausbreiteten, gab es ein tiefes Atmen und die Klarheit: „Ich liebe Riesen.“

Heute ist es Jahre weiter – dennoch ist diese Liebe geblieben. Sie hat noch andere Formen gefunden. Später dazu.

True 360.2 (2)

DAS RESTORIGINAL am Fahnenmast von Schiermonnikoog/NL.

Das Merkmal des >TRUE 360< war seine klare wie einfache Form, die Ausstrahlung von Robustheit mit Verbindern, in denen Kinder Knickel verstecken konnten – wollten sie es denn. Ein vorzügliches Design für einen Riesenkörper.

Der >TRUE 360< wurde mein Arbeitstier am Buggy – der für`s Grobe, für`s total Berechenbare, Oberarmaufpumper und Schulterblattstabilisator, der Ruhigsteher, Unzerstörbare.
So entstand damals der Titel: „TRUE LOVE never dies.“

Windstärken bis Bft. 7 bin ich mit ihm gefahren – immer o h n e Umlenksystem / bis heute. Ich will die Kraft original in die Arme, die Schultern, den Rücken. No filter !

Ich besitze immer noch einen „kleinen“ Buggy aus den Kindertagen der Buggyzeit. Große bin ich gefahren und wieder zum Kleinen zurückgekehrt. Er paßt zur Inselstrecke, zu den Besonderheiten der Piste – er paßt mir, ist sehr wendig, wie ein Go-kart. Heute habe ich u.a. auch Moonweels, von denen aber nur die hinteren ständig drauf sind. Das hilft auch für längere Touren.

Wenn die Sonne meine Insel zum schönsten Ort werden läßt und Wind so um Bft. 4 ist, dann ist es ein erfüllter Traum, im Buggy zu sitzen und zu sailen.

Die Stunden vergehen dabei … 3-4-5 Std. sind es da ganz schnell.

Der Neffe Julien ist heute 23 Jahre alt und fährt immer noch seinen alten Buggy. Dann setzt er sich in seinen Golf und ist 4 Stunden später auf der Insel. 2 – 3 Tage nur Buggy fahren, von morgens bis abends. Das tut ihm sehr gut und seine Freundin küßt ihn noch eine Idee heißer.

 

True 360.2Vor einem halben Jahr schenkte ich ihm den >TRUE 360< , der schon mächtig verwundet, geschunden, durch`s Wasser gezogen und ausgewrungen aussah.

Julien ist ein echter Buggyfahrer: das konnte man an den stolzen Augen sehen – ohne Worte. So sind sie eben, diese harten Burschen. Das richtige Geschenk, und sie sind sprachlos, tief gerührt, wie weiche Butter.

Wir hatten irgendwann vor 8 – 9 Jahren Tachometer an den Buggys – Juliens Rekord war bei 88 Km/h, aufgestellt im knallharten Winter, der aus dem Strand Sand-Eis-Kristalle gemacht hatte. Mein Tacho mußte kaputt gewesen sein, weil er schon bei 78 Km/h aufhörte, obwohl ich das untrügliche Gefühl hatte, wenigstens 89 Km/h gefahren zu sein.. oder doch nicht ?

Noch höhere Geschwindigkeiten erreichten wir ein paar Jaare später, als wir mit 3 kleinen Buggys und dem PURE (Normalversion 2,40 m Spannweite/ 1,15 m Höhe)in Windstärken um Bft 9 (!!) irrsinnig tolle Privatrennen auf Schiermonnikoog fuhren. Damals flogen wir dem PURE von Michael RYLL ohne Vorsegel (!). Die machten dann bei diesen Windstärken auch schon nichts mehr aus.

Zurück zum TRUE 360. Inzwischen kann man schon von einem Langzeittest mit Großdrachen und Buggy sprechen. Deswegen sind vielleicht für auf den Geschmack gekommene Nachahmer folgende Informationen interessant, die sich erst einmal nur auf das Gespann >TRUE 360< & Buggy beziehen:
Schurlänge 35 m / 140 Kp. Mit dieser Länge lassen sich Richtungsänderungen schnell einleiten, das Handling von Drachen & Buggy ist perfekt. Der >TRUE 360< hat durch die Größe seines Körpers den Vorteil, dass er ab Bft. 4 schon ohne Flugbewegung genügend Zugimpuls hat. Anfänger können ab Bft. 3.5 gut verschiedene Manöver lernen, weil sie nicht zusätzlich die Bewegung des Drachens koordinieren müssen. Außerdem hatte jeder Anfänger, dem ich den >TRUE 360< in die Hände drückte und der sich damit ins Buggy setzen wollte, sofort Respekt, weil die vom Drachen ausgehende Power wie eine düster wirkende Kraft über ihren Köpfen schwebte. Das lehrt Demut und Bescheidenheit und verlangt gleichzeitig Entschiedenheit ohne Leichtsinn. Besonnen koordinierend Erfahrungen sammeln.
Was ich an einem Stabdrachen-Buggy-Gespann dieser Art zudem schätze: irgendwann ist der Punkt des Innehaltens, Ausruhens gekommen. Ich fahre dann an die Wasserlinie und mache Wasserlandespiele mit dem Riesen – Badespaß – lasse mich etwas durchs Wasser ziehen – im Sommer. Zurück ins Buggy – zu neuen Himmeln.
Ein einziges Mal überschlug ich mich nur. Das ist ein guter Schnitt in so vielen Jahren. Da wollte ich eine Schleuderdemo vor bekannten Feriengästen fahren. Reinstes Imponiergehabe natürlich. Die besagte Stelle war sandüberwehter Nordseeglitschergrund. Ich drehte wie ein Kreisel. Der >TRUE 360< war auf einmal in meinem Rücken – wie das Publikum. Ich hatte 0,8 Sek. Entscheidungsspielraum und entschied mich, die Schnüre nicht durch die Leute sausen zu lassen, wegen der Ohren. Während ich so entschied, merkte ich, wie mein Körper geliftet wurde – die Füße im Klettband – der Buggy flog über mich drüber – halbe Körperdrehung – Weiterflug in Bauchlage – Windfensterrand – Aufstehen und Drachen sichern. Die Zuschauer waren begeistert und klatschten. Die Vorführung lag über ihrer Erwartung. Auch meine Frau staunte, weil sie mir vorher gesagt hatte, dass ich eine alte Hose anziehen sollte – ich aber das Argument SONNTAG anführte und „ich fahre nur so`n bisschen spazieren.“ Mir ist klar, dass ich damit an meiner Glaubwürdigkeit säge – aber eigentlich wollte ich ja nur …

Heute habe ich ganz viele Hosen auf der Insel, die genau so aussehen, wie inzwischen der >TRUE 360<. Das nenne ich Partnerlook.

( Unter dem Banner www.drachenmarkt.de findet man u.a. die Riesen von Michael Ryll. Da ist die BALANCE-Serie und die PURE-Serie. Der >TRUE 360< ist inzwischen schon nicht mehr aufgeführt, weil der PURE XL sein hightechmäßiger Nachfolger geworden ist, ausgestattet mit einer modernen Riesenvielfalt von Innovationen. Aber: es gibt ihn noch, wenn man es will – das versicherte mir Michael Ryll. Ich jedenfalls werde ihn immer lieben – weil: TRUE LOVE NEVER DIES. ).