TATTOO Zero (RTF) – Einer, der neue Maßstäbe setzt.

Text von: Thomas Müller (orange4u)
Fotos von: Jutta Lammer-Müller

Spannweite: 180 cm

Standhöhe: 88 cm

Gewicht: 108 g

Windbereich in Bft: 0 – 2 (3.5 extrem)

Preis in €: 99,-

Hersteller Space Kites, Michael Tiedtke, Middelsburer Padd 10 in 26553 Dornum/Middelbur. Fon + Fax 04933-2253

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Mein erster Gedanke, als Jürgen mich fragte, ob ich einen Leichtwinddrachen mit Indoor-Kick testen wolle, war: „Klar, doch!“
Als ich hörte: „Hersteller Michael Tiedtke, SPACE KITES, dachte ich: „Tiedtke und Leichtwind(?)und dann auch noch >indoor<(??)..zwei Welten prallen aufeinander!" Michael Tiedtke, der Mann mit dem Ruhrgebietherzen, hat zwar die See vor der Tür - aber keine Halle. Ein sogenannter Indoor-Outdoor-Drachen, der im Nullwind der ostfriesischen Küste konzipiert in der Halle fliegen soll..geht das überhaupt? Den TATTOO gibt es im >Ready-to-fly-Set< mit 15 m/10 Kp-Climax-Blackline und tiedtke-eigenen Fingerschlaufen aus schmalem Gurtband. 99,- Euro kostet das Vergnügen. Erster Eindruck: Als ich den Drachenköcher einige Tage später in den Händen hielt, war ich erstaunt. "Fühlt sich gut an! Ist da überhaupt ein Drachen drin?" Silbergrauer Köcher aus festem Taschenstoff wird mittels Umschlag geschlossen. Innen ist eine kleine Tasche eingenäht, um den Leinensatz unterzubringen. In dieser Tasche finde ich schon die erste positive Überraschung: ein Datenblatt zum TATTOO. Angaben zur Bestabung, Windbereich, empfohlene Leinenlängen sowie kurze Angaben zum Ansteuerverhalten. Vorbildlich! Vorbildlich ist auch die Verarbeitung des TATTOO - halt ein Tiedtke-Handmade. Mein erster Gedanke beim Aufbauen: "Schön..ein klassischer Dart..weit ausgeschnittene, geschwungene Saumkante, schmal und hoch gehalten. Das verspricht ein ruhges Flugbild und gutes Schwebeverhalten. Besonders fällt die Nase auf: erst mit Dacron und dann noch ´mal mit Gurtband verstärkt, breit gehalten; indoor- und steetkitingtauglich. Hoffentlich läßt der Wind nach - ich will fliegen! Verarbeitung: DAS SEGEL ist Icarex - zwei Hälften Applikationen aufgenäht. Die Leitkanten aus Spinnaker, die Nase aus Dacron und Gurtband. Das Segel wird mit insgesamt zwei Stand Offs aufgestellt. DAS GESTÄNGE ist rundum 4mm - Exel; die Stand Offs 1,5mm CfK. DIE VERBINDER sind von HQ - die Endkappen gelocht. DIE WAAGE - Turbowaage, Windanpassung mittels Knotenleiter. Michael Tiedtke erwägt das Tattoo als Firmenlogo zu gestalten. Noch ist er sich nicht über die Bedeutung des Zeichens im Klaren. Vielleicht bekommt das ein Leser heraus? Der TATTOO glänzt mehr durch gute, wohldurchdachte "Handwerkskunst", als durch High-End-Technik, die die Welt nicht braucht. Zum Beispiel dient als Mittelkreuz ein Ring, der aus einer Endkappe geschnitten wird. Sollte der einmal reißen, findet sich wohl in jeder Drachentasche Ersatz. Wer hat schon "O-Ringe" bei sich?! Ganz allgemein besticht der TATTOO durch seine Einfachheit und klare Linie. Flugeigenschaften: Geduldig, wie ich bin, kann ich es nach dieser ersten Begutachtung zu Hause nicht mehr abwarten. Draußen sind es ungemütliche 1.5 Bft. mit starken Böen. Eigentlich ein Wind, um den TATTOO zu testen! Egal! Wer bis 2 Bft. angegeben ist, muss das abkönnen! Und hier überraschte mich der TATTOO das 1. Mal. Im Mittel 1.5 Bft./ in Böen 3 Bft. sind kein Problem für ihn. Sauber und geräuschlos zieht er seine Bahnen. In den Böen reagiert er nicht mit wildem Flügelschlagen oder Vibrieren. Trotzdem hat er so ab 2 Bft. die eigene Körpersprache um zu "sagen": "Jetzt ist genug!" Es geht schließlich nicht um High-End-Quälflug. Es bleibt genug Zeit, an den Windfensterrand zu fliegen. Hier kommt der ruhige Stand - sehr gute Kontrolle. Super! Schon bei den ersten Achten fällt sein gutes und ruhiges Flugbild auf (für den Test fliege ich neben dem RTF-Set auch noch 20m/25 Kp - eine gute Alternative). Das Design, das ihm seinen Namen gibt, kommt jetzt voll zur Geltung. An 20 m - Leinen vermittelt er das Gefühl eines "Großen". Dieses Gefühl wird bei der ersten Ecke "bestraft". Der TATTOO verlangt kurze Lenkbefehle, will mehr aus dem Handgelenk, als aus den Armen geflogen werden. Die Eingewöhnung gelingt sehr schnell. Die Ecken werden hart und knackig trotz der einfachen Bestabung. Geraden fliegt er sehr sauber - Loops gleichmäßig und Spins ohne nenneswerten Höhenverlust. Sein ruhiges und souveränes Flugbild, kombiniert mit edlem Aussehen, macht ihn zu einem Schönflieger. Und in diesem Verständnis vom Fliegen gehe ich auch die ersten Tricks an: ruhig und mit Gefühl - nicht grob und zappelig. Schon werde ich wieder überrascht: die ersten Axel gelingen auf Anhieb sehr flach. Fades, 540er, Poison Ivy, Slotmachine - alles, was das Schönfliegen so schön macht, gelingt schnell und sauber. Und das bei 1.5 - 2 Bft. und mehr! Ich bin beeindruckt und freue mich auf den Leichtwind, den Wind, für den der TATTOO eigentlich gedacht ist. Endlich ist es so weit: 0 - 0.5 Bft. - in Böen 1 Bft. Jetzt kommt der "eigentliche" Test. Erste Flugmanöver zeigen den besonderen Charakter des Drachens: man kann sich sehr schnell auf ihn einstellen und einlassen. S e h r g u t! Mein 1. Eindruck: der braucht wirklich keinen Wind. Ich fliege auf dem zweiten Knoten der Knotenleiter und das, obwohl fast kein Wind mehr weht! Allerdings noch geschätzte 0.3 - 0.5 Bft. Er fliegt ohne Pumpen - nur durch Gehen. Der TATTOO verleitet mit seinem tollen Aussehen am Himmel und dem zudem ruhigen Flugbild zum Träumen. Ein sehr entspanntes Fliegen! Dinge des Alltags treten in den Hintergrund. STALL/ SIDE SLIDE (gut) .. sind Grundlagen für die meisten Tricks. Erst aus dem Looping am Windfensterrand - ohne Nachwackeln - leicht einzuleiten und noch besser zu halten. Aus der Waagerechten wie aus dem Sturzflug: kurz aus den Handgelenken den Impuls geben, und der TATTOO steht und läßt sich, mit etwas Übung, sehr gut halten. Leicht anziehen, und er nimmt wieder Fahrt auf: g u t! AXEL / AXELKASKADE: g u t. Die Axel gelingen auch Anfängern sehr leicht. Ich lasse Anfänger immer ´mal zwischendurch fliegen. Betont langsam und gefühlvoll angesteuert, gelingen sie tellerflach. Schnell, ohne weiter darüber nachzudenken, beginne ich die Axel mit zwei Steuerbefehlen zu fliegen. Die eine Hand löst aus und, nach einer halben Drehung, mit der anderen Hand durch den Axel führen. Ein Traum! Hat man dieses Führen erst einmal ´raus, gelingt die Axelkaskade wie von selbst. FADE: s e h r g u t.. Axel to Fade: egal, ob mit einer Hand oder mit beiden Händen eingeleitet - der Fade ist ab Werk eingebaut. Die Leinen legen sich selbständig und sau´ber auf den Leitkanten ab. Missglückte Manöver führen nicht gleich zum Absturz, sondern können abgefangen werden. Im FADE selbst liegt der TATTOO sehr stabil. Kurz ´mal beide Leinen in die Hand nehmen und die Brille hochschieben - kein Problem! Aus dem FADE nach vorn heraus gelingt nur mit Übung (erst Leine geben, dann kurz und schmerzlos aus dem Handgelenk ziehen). Aus dem Fade zur Seite wegdrehen gelingt einfach. POISON IVY: s e h r g u t. Der Poison Ivy wird beim Einbau vom Fade frei Haus mitgeliefert. Aus dem Sturzflug leicht aufmachen > anziehen > und schon klappt der TATTOO um. Sein Lieblingstrick.

FLIC FLAC: b e f r i e d i g e n d.
Hat man es raus, den TATTOO aus dem Fade zu bewegen, klappen die Flic Flacs gut, brauchen aber Höhe. Das sieht zwar elegant aus, macht aber lange Trickfolgen unmöglich.

540er & SLOTMACHINE: s e h r g u t.
Beide Tricks gelingen (ähnlich wie beim Axel) auch unsauber geflogen l e i c h t. Mit etwas Fingerspitzengefühl geflogen erstaunt mich dieser kleine leichte Drachen sehr. Er fliegt sauber, präzise und elegant.

LAZY SUE, BACKSPIN, MUTEX & Co: …
Dafür ist er eigentlich nich gebaut und vor allem zu leicht. Die LAZY SUE gehört gerade zu meinem Trainingsprogramm. Er kann sie und ich bald auch .-) Einige saubere Mutex sind auch schon im Programm.

TRAINING mit dem TATTOO: s e h r g u t.
Schon nach den ersten Flugeindrücken fällt auf, dass der TATTOO nicht zum Einfangen der Leinen neigt. Nach einem Absturz mit eingewickelten Leinen läßt sich der TATTOO durch gezielte Bodenarbeit leicht wieder „befreien“. Nur beim DEAD LUNCH (Bauchlage-Nase zum Piloten) muss der Pilot zum Drachen. Sehr anfängerfreundlich.

NULLWIND-outdoor: s e h r g u t.
Der TATTOO ist absolut nullwindtauglich! Er läßt sich leicht hochpumpen und verlangt wenig Bewegung vom Piloten. Das macht ihn für den Anfänger g e e i g n e t.
Alle Tricks gelingen auch bei Nullwind mit Spaß.

INDOOR: s e h r g u t.
Auf diesen Testabschnitt war ich nach gelungenem Nullwind-outdoor-Abenteuer am meisten gespannt. Die Waage auf den ersten/kurzen Knoten eingestellt und schon beim ersten Anziehen merkt man: er fliegt. Er fliegt gut – ja, sehr gut! Einfliegen, 360er, leichte Ecken, erste Axel. Schnell wird klar. der TATTOO läßt sich indoor wie outdoor fliegen. Es bedarf keiner Umstellung/Eingewöhnung des Piloten. Es gelingen alle Tricks wie outdoor beschrieben.
Fangen und Werfen geht leicht von der Hand. Helikopter macht er wie von selbst.

Tricks: (vergeben werden 10 Punkte, 10 = sehr gut etc.)
Kreise 9

Geraden 8

Ecken 8

Axel 8

Kaskaden 9

Fade 10

540er 8

Slotmachine 9

Flic Flac 5

Stall 9

Side Slide 10

Vergleich in seiner Kategorie:

Ein Vergleich mit anderen Drachen fällt schwer, weil Michael Tiedtke wieder ´mal aus dem Rahmen fällt. Aktuell liegt ein Vergleich mit dem SWEETY von Wolfgang Siebert nahe. Doch fällt der Sweety mehr unter die Trickser, der TATTOO mehr unter Balett. Meiner Flugweise entspricht der TATTOO mehr. Während des Tests bin ich vergleichsweise noch den SWITCH und die KIRA von Michel Chantren geflogen. Auch hier war der TATTOO der Drachen meiner Wahl. Fazit:

„Tiedtke und Leichtwind – zwei Welten haben sich gefunden.“
Der TATTOO fliegt indoor genau so gut wie outdoor und verträgt auch schon ´mal mehr Wind, als angegeben ist. Ich war erstaunt über sein sauberes und ruhiges Flugbild. Das Fliegen und Trainieren mit ihm macht Spaß! Mehrmals musste ich mir den TATTOO erst „zurückerobern“, wenn ich andere Piloten fliegen ließ.
Dieser Drachen ist eine Empfehlung für Anfänger, weil er leicht zu fliegen ist.
Er ist aber auch eine Empfehlung für den fortgeschrittenen Piloten, weil Verbesserungen am Flugstil mit schönerem und sauberem Flugbild belohnt werden.
Indoor ist der TATTOO für den Gelegenheitspiloten 1. Wahl. Mich hat er während des ganzen Tests begeistert!

ANMERKUNG DER REDAKTION

THOMAS MÜLLER, in der Drachenszene als >orange4u< bekannt, zählt sich selbst zu den "fortgeschrittenen Piloten". Er bevorzugt das "ruhige Fliegen an langen Leinen, wohldosierte Tricks an passender Stelle. Ich lasse Drachen lieber Schweben, als sie mit Gewalt durch Tricks zu prügeln." So ist er bis heute noch ein leidenschaftlicher Trick Tail - Pilot. Thomas taucht bei KITE-TESTS als Gast-Autor und Tester für "spezielle Situationen" auf. Vielen Dank für das außerordentliche Engagement. Jürgen Okrongli..

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