Über das Zähmen von Riesen

Text von: Jürgen Okrongli
Fotos von: Michael Ryll
RIESEN werden respektvoll jene Lenkdrachen genannt, die in allem anders sind, als die anderen: in ihrer Größe natürlich, in ihrem Körperbau, im Flug und der Rückmeldung zum Piloten, im Flug und der Faszination für die bewundernden bis fassungslosen Zuschauer…

Und schon beim Auspacken und Aufbauen ist alles anders – ganz anders. Oder sogar die Stufe davor: welches Auto ist das gebührende Transportmittel für einen Riesen ?

Das Foto zeigt, dass dieses Auto nicht paßt. Das kann schnell komisch wirken.

Also: Ein RIESE ist ein TYP und verlangt, gebührend transportiert zu werden. Gucken sie da nicht auf den Euro !
Aber: Stil ist auch keine Frage des Geldes.

Sie sehen: RIESEN sind anders!
RIESEN LIEBEN SHOW..

.. und die beginnt beim Aufbau.

Grundsätzlich baut man RIESEN niemals dort auf, wo keiner ist. Das ist WRONG. Das tut man einfach nicht.

Sie brauchen Publikum, das schon allein von der Drachentasche so erschüttert ist, dass sie wie magisch angewurzelt stehen bleiben, um den Aufbauvorgang zu überwachen.

Darum legt man zuerst die Stangen (10 – 12 mm) gut einsehbar so hin, dass das Publikum Zeit genug findet, dass eigene Beeindrucktsein in Ruhe zu verdauen. Eine große Transportrolle für die 180er-Schnüre, die ein Tourist in seinem ganzen Leben und im Geschäft um die Ecke noch nicht gesehen hat, wird so vor die Stangen drapiert, dass kein Auge trocken bleibt.

Jetzt gönnt man sich, nach getaner Arbeit, erst einmal einen Schluck Energiedrink. Das beeindruckt, man bleibt im Stil, und es spannt die Nerven der Zuschauer noch geringfügig mehr an.

Beim Ausfalten des Segels geschieht alles in besonnener Zeitlupe. Zum einen, damit die Überhektik nicht zu Aufbaufehlern führt, die die Publikumssympatie schnell in Hohn übergehen lassen könnte..
zum anderen, weil große Drachen etwas Majestätisches ausstrahlen und das nicht zum schnellen Herumwuseln paßt.

Ist der Drachen fertig zusammengebaut, geht man noch einmal prüfend um ihn herum, während er aufrecht steht. Dieses bestätigt die Meinung der inzwischen meisten Zuschauer, dass sie jedes – aber auch jedes Detail genauestens im Auge haben und ein absoluter Fachmann sind.

Falls sie mit einer gesteigerten Dramaturgie keine Probleme haben (falls sie sie doch haben – warum wollen sie eigentlich einen RIESEN fliegen ? / bleiben sie lieber bei ihrer Erbse) stellen sie nun den Riesen mit all` ihrer menschlichen Kraft (und auch gedingten Helfern) auf die Flügelspitze fast senkrecht in die Luft. Da werden einige RIESEN schnell 4 m hoch, was das Publikum vollkommen schafft. Jetzt sind sie berühmt und haben eigentlich noch nichts getan.

RIESEN LIEBEN BEWEGUNGSFREIHEIT.

Auf dem Foto ist den Pure XXL von M. Ryll / www.drachenmarkt.de mit seinen 4,20 m Spannweite und 12 mm Gestänge. Das ist schon mächtig.

Gehen wir `mal für das Beispiel eine Etage tiefer, zum Balance XL – dem 3,60 m – Riesen. Ihn habe ich von allen Großdrachen am meisten geflogen, weil er für die Flugabenteuer, die auf meinem Plan stehen, dass breiteste Aktionsspektrum hat.

Drachen dieser Größe gehören an 50 m – Schnüre und 140 Kp. Das Auslegen der Schnüre öffnet ein neues Ritual. Ich wähle immer folgende Reihenfolge bei Riesen: Handschlaufen über massive Heringe hängen. Die Schnüre sind schon befestigt. Langsames Auslegen der Schnüre. Ich achte von Anbeginn darauf, dass kein Zuschauer im Flugfeld steht. Dann trage ich den aufgebauten Drachen auf dem Rücken zum Startplatz. Das wirkt ob der Proportion Mensch/Riese, und es ist die sicherste Transportart. Aufgestellt prüfe ich noch einmal die Waageeinstellung. 50 m entfernt spüre ich die Spannung der Zuschauer. Beim Zurückgehen spüre ich die Blicke wechselweise auf mich und den Drachen gerichtet. Ich schaue die Beobachter nicht an – ziehe ein grausiges Oli-Kahn-Konzentrationsgesicht. Ein dramaturgisches Extrabonbon für die Wartenden.

Beliebte Flugfiguren, die AHs und OHs garantieren:
…. GERADE HOCH INS ZENIT
ist einfach und wirkt bei Riesen an 50 m – Schnüren
äußerst erhaben / die Köpfe fallen in den Nacken.

…. 180er KEHRE UND SENKRECHT WIEDER ZU BODEN
nach zwei Drittel der Strecke ist es mucksmäuschenstill
um mich herum. Kurz vorm Aufprall ziehe ich den Riesen
in einen 90-Grad-Winkel und lasse ihn hauchdünn über
den Boden streichen. In Bft. 1 hat das 1 Tonne Magie.

…. DANACH FOLGEN FIGUREN, DIE RAUMNEHMEND SIND
die größtmögliche liegende 8 macht den Riesen am Wind
fensterrand majestätisch langsam / danach eine eckige 8

…. NACHVOLLZIEHBARE TRICKS
vor Publikum fliege ich nur solche Tricks, die dem
Piloten als Können zugeschrieben werden und nicht
solche, bei denen das Publikum denkt, der Drachen sei
kaputt… dazu gehören bei Hauchwind bodennahe Axel
und Groundaxel, auf jeden Fall der FADE, wenigstens
eine halbe Minute – verschiedene Starts kommen immer
sehr gut rüber.

…. LANDUNG

Wenn ich Publikum habe, mache ich immer einen 5-6 Minuten-Block.

Während ich so fliege und dem Burschen am anderen Ende Respekt zolle – spüre ich, wie er handzahm geworden ist.

Wir sind eine Verbindung eingegangen.

Auf den Gesichtern unserer Zuschauer ist entspanntes Lächeln, Faszination – manchmal Tränen bei Männern.

Die Kommentare sind dann besonders – so besonders, wie es ein Riese eben ist..

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